Begrüßungen als internes Kulturmanagement

Begrüßungsformen sind ein  Beispiel für die Komplexität unseres internen Kulturmanagements. Sie zeigen uns einmal mehr, dass menschliche Begegnung komplexer ist, als  interkulturelle Ansätze uns vorgaukeln wollen. Bei einer Begrüßung treffen nicht zwei Nationen aufeinander, sondern zwei Menschen mit verschiedenen Begrüßungskulturen.


Begrüßungen variieren oft von Kollektiv zu Kollektiv. So ist für mich das Reichen der Hand eine Begrüßungsform, die ich als typisch für Deutschland empfinde, während mir in Frankreich gegenüber Frauen und Männern dieRonald McDonald in Thailand Küsschen-Begrüßung verbreitet scheint und in Thailand der Wai-Gruß (das Zusammenlegen der Handflächen). Aber auch Jugendliche begrüßen sich anders als Erwachsene, Muslime anders als Hindus und Banker anders als Sozialpädagogen. Wie begrüße ich mich jetzt aber als Deutscher, Erwachsener, Sozialpädagoge angemessen und freundlich? Das ist nicht festgelegt, sondern wird von mir immer neu entschieden. Dabei spielt die aktuelle Situation und mein Gegenüber eine entscheidende Rolle.

Mein Gegenüber ist entscheidend, weil eine Begrüßung ja ein wichtiger Kommunikationsauftakt ist. Ich suche also bei jedem Gegenüber nach einer Begrüßung, die angemessen ist und demnach einer geteilten kollektiven Vereinbarung entspricht. So begrüße ich meinen Kollegen mit einem umarmenden „Hallo!“ (ja, das ist bei vielen Sozialpädagogen so üblich), einen Politiker im Rathaus mit Händedruck und „Guten Tag!“, einen Jugendlichen aus dem Jugendtreff mit Handschlag und einem „Hey!“, meine Pariser Bekannte mit Küssen rechts und links und einem „salut“, einen alten Berliner Freund mit einer Umarmung „tach!“ und meine Freundin mit einem Kuss auf den Mund. Den alten Freund mit Händedruck und „Guten Tag!“ zu begrüßen wäre genauso befremdlich, wie den Politiker auf den Mund zu küssen.

Verwirrung-bei-der-Begrüßung...Aber auch die aktuelle Situation muss ich in die Wahl meines Grußes einbeziehen. Treffe ich einen neuen Menschen auf einer Party, oder bei einem Bewerbungsgespräch? Begrüße ich meine Freundin vor ihrer Chefin oder bei uns zu Hause? Kenne ich meinen Kollegen schon länger, oder sehen wir uns das erste Mal (in diesem Fall geben sich selbst Sozialpädagogen zunächst die Hand)?

Spannend wird es, wenn sich zwei Menschen das erste Mal begegnen und beide erst einmal ihre verschiedenen kulturellen Orientierungen und Einschätzung der Situation abwägen müssen. Jede_r kennt sicherlich diese verwirrenden Situationen, in denen wir uns mit dem Gegenüber kurz uneinig sind, wie wir uns begrüßen sollen.

Unser flexibles Begrüßungsmanagement zeigt deutlich die Schwäche der Annahme von Merkmalsübereinstimmungen und  klaren Handlungsvorlagen auf. Erzählt man bei einem Seminar für Geschäftsmänner die nach Indien gehen, dass man sich dort mit dem Zusammenlegen der Handflächen und einer leichten Verbeugung begrüßt, so kann dies beim Zusammentreffen zu einer ziemlich lächerlichen Situation führen. Viele indische Geschäftspartner stammen aus der Mittel- und Oberschicht, wo das Händegeben sehr verbreitet ist; viele haben darüber hinaus im westlichen Ausland studiert oder sind dort gereist. So sozialisiert, könnte der traditionelle Namaste-Gruß von einem deutschen Geschäftsmann auf sie befremdlich oder etwas drollig wirken.