Cultural Hacking

cultural hacking ... start to be creative
Kulturelle Konstruktionen kann man am besten verstehen, wenn man mit ihnen spielt. Cultural Hacking macht Deutungsmuster durch Umdeutung sichtbar und auch ein Stück weit lächerlich. Kultur soll Orientierung geben; Cultural Hacking dagegen will verwirren und Orientierung grundsätzlich als Konstruktion von Wahrheit entlarven. Cultural Hacking in nur drei Lektionen verstehen lernen und für die pädagogische Arbeit nutzbar machen …

Lektion1: Hacking

 

Hacking de-definiert

Hacking arbeitet ei­ner ein­deu­ti­gen De­fi­ni­tion ent­ge­gen­! Es ist das Spiel mit dem Festen/Etablierten. Hacking will Diskussion (Bewegung) – keine Definition (Statik). Hacking ist damit das Gegenteil von Ordnung schaffen, es ist von Grund auf kreativ zerstörerisch, eine aktive Mischung aus Ernst und Spiel: Hacking lässt sich nicht auf eine Provokation oder eine Pose distanzierter Ironie reduzieren. Im Gegensatz dazu weist Hacking als typische Kennzeichen des eigenen Arbeitsprozesses zugleich ernstes Spiel und spielerischen Ernst auf […]1

Störung von Kontrolle & Sicherheit

Pro­gramme ord­nen Er­war­tun­gen. Sie bestehen aus verlässlichen Mustern. Der Pro­zess des Ha­ckens dagegen ist das gezielte Un­ter­lau­fen von erwarteten Erwartungen. Während Programme Kon­trolle über Systemzustände erzielen wollen, ist Hacking eher als eine sys­te­ma­ti­sche Stö­rung der Kontrolle und Kontrollierbarkeit eines Systems zu verstehen.

Wie ein klassischer Hack aussieht, der ein System mit seiner einfallsreichen Experiementierfreudigkeit unter Kontrolle bringt und umcodiert, zeigt der niederländische Hacker Max …

Den Bereich des Möglichen neu formatieren

Der Ha­cker wird damit vom Nut­zer zum Pro­gram­mie­rer und statt Vor-Schriften zu befolgen, verfasst er Um-Schriften. Der Hack be­steht aus de­chif­frie­ren und re­chif­frie­ren bis­lang ver­bor­ge­ner Struk­tu­ren. Im Kon­text der je ak­tu­el­len Mög­lich­kei­ten ei­nes Sys­tems ent­fal­tet die Ope­ra­tion der Stö­rung ei­gene Wirk­sam­keit, und zwar in­dem sie auf die Be­grenzt­heit der Mög­lich­kei­ten ver­weist und das Sys­tem so in ei­nen kri­ti­schen Zu­stand versetzt. Ein Hack for­ma­tiert den Be­reich des Mög­li­chen neu und damit auch un­sere Wahr­neh­mung des Mög­li­chen: Das ei­gent­lich Un­mög­li­che stellt nun die Mög­lich­keits­be­din­gung des Mög­li­chen dar. So be­trach­tet hat der Hack eine be­son­ders wert­volle Funk­tion. Er lähmt nicht, son­dern setzt in Bewegung.

hier der ganz normale bezeichnungswahnsinn

hier der cultural hack an der beschilderung mit umcodierung zur Richtigstellung

Re-Orientierung durch Des-Orientierung

Hacking stellt auf Orientierung und Desorientierung ab. Es geht um die Erkundung eines fremden Systems, um sich darin zurechtzufinden; und es geht darüber hinaus darum, eine bewusste Desorientierung bzw. neue Orientierungen in dieses System einzuführen. Diese Re-Orientierungen werden meist durch eine Umcodierung bewerkstelligt. Hacker können so via Störung zur Ausbildung neuer Strukturen beitragen; oft sind sie Anlass für neue Figurationen, ohne dass sie deren Gestalt bereits genau vorgeben.2

 


Lektion2: Kultur als Programm(ierung)

 

Kultur als System von Codes und Mustern …

Jede Kultur ist ein System aus Codes, Verabredungen, Normen und Regeln, welches Strukturen und  spezifische (Be)Deutungen von Wirklichkeit formuliert. Dabei ist Kultur immer ein Konstrukt, ein Treppengeländer, welches dem Individuum Halt und der sozialen Gruppe Orientierung bietet. Geert Hofstede hat Kultur einmal als “kollektive Programmierung des Geistes” beschrieben. Er macht damit auf die normierende und prägende Wirkung von kulturellen Systemen aufmerksam. Unsere kulturellen Prägungen sind uns selten bewusst. Man kann sie sich vorstellen, wie die Grammatik, die wir unbewusst mit unserer Muttersprache gelernt haben. Wir wenden die Grammatik jeden Tag zielsicher an und zucken zusammen, wenn jemand einen Fehler macht. Die Regeln hinter der Grammatik aber kennen wir nicht bewusst. Wir müssen sie mühsam in der Schule lernen. Ähnlich ist es mit der kulturellen Grammatik. Nehmen wir an, wir nähmen im Supermarkt einen halbgefüllten Einkaufswagen irgendeines Kunden und würden damit zur Kasse gehen. Der betreffende Kunde wäre sicherlich aufgebracht. Dennoch könnte er uns weder ein Gesetz, noch eine Hausordnung, noch eine formulierte Regel nennen, die unser Verhalten verbietet. Trotzdem hätte er Recht mit der Aussage “Das macht man doch nicht!” oder “das ist doch nicht normal!”. Wir haben eine ungeschriebene Regel, eine unsichtbare Norm, eine kulturelle Verabredung gebrochen.

Kultur als unsichtbarer Quellcode hinter den Mustern des Alltags

Ein anderes Gleichnis ist das von Kultur als Programmierung. Hinter dieser nutzerfreundlichen Internetseite, die sie gerade anschauen, steckt ein unansehnlicher, komplizierter Quellcode, auf dem die Darstellung an ihrem Bildschirm beruht. Der Code ist aber versteckt. Auch kulturelle Codes sind oft versteckt und doch wirkungsmächtig.

Hinter der folgenden Alltagsstruktur (Toilettentüren mit Symbolen) stecken viele kulturelle Grundannahmen, quasi als Quellcode, versteckt. Eine ist z.B. die Annahme, es gebe nur zwei Geschlechter (zwei Türangebote) eine weitere, diese bräuchten getrennte Räume für ihre Notdurft. In der Darstellung der Symbole sind Gender-Stereotype und die damit verbundenen Vorstellungen von “Männlichkeit” und “Weiblichkeit” abgelagert.

Toilettentüren als Ausdruck unbewusster Kulturmuster


Lektion 3: Cultural Hacking

 

Cultural Hacking programmiert den unsichtbaren Quellcode hinter unseren kulturellen Normen um. Oft werden diese dadurch erst sichtbar. Bezüglich der verbreiteten und selten hinterfragten Toilettensymbole, bin ich z.B. auf diesen Hack in einer Jugendherberge gestoßen. Die simple Remontage der Symbol-Einzelteile verwirrt unsere Alltagsroutine (auf der Suche nach der “richtigen” Tür) und hinterfragt unsere Orientierungsmuster.

gehacktes Toilettensymbol ...

Nach diesem Beispiel lässt sich die Definition von Adrian Heuberger zum Cultural Hacking sicher besser verstehen:

Cultural Hacking ist eine dem Computer-Hack entlehnte Idee der Umkodierung und Verfremdung bestehender kultureller Codes. Über Manipulation und Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen, -regeln und -routinen im außermusealen, öffentlichen Raum wird die Strategie verfolgt, Tabuisiertes hervorzuheben, resp. neue Lesarten des Gewohnten zu schaffen. Cultural Hacking als Kunst verläuft dabei entlang den Linien des Subtil-Politischen.

Subversive Kunst der Umgestaltung

Cultural Hacking übt seine Faszination besonders dadurch aus, dass die Akteure aus dem Verborgenen arbeiten, ihre Identitäten verschleiern, ihre Aktionen geschickt in den Alltag einbauen und erst nach und nach aufdecken lassen, oder wie Johannes M. Hedinger formuliert:

“Cultural Hacking can be understood as infiltration into systems and the changing of their coding. It is a critical, often even subversive game with cultural codes, messages and values.“

Der folgende Hack funktioniert nur durch den Überraschungseffekt. Der Künstler hat mit diesem Hack zur Zeit des Schweizer Diskurses um das Minarett-Verbot alltägliche Machtmuster umcodiert und den (geduldeten) Gebetsruf der einen Glaubensgemeinschaft, durch den (verbotenen) einer anderen ersetzt. Indem er den Kirchturm zum Minarett macht, stellt er plötzlich indirekt die Frage nach einem Kirchturmverbot und heizt damit die Diskussion um die Aktualisierung der herrschenden Religionskultur neu an.

Ein weiterer witziger Hack zu religiösen Kulturmustern …

Ein Hack von Banksy zum kulturellen Umgang mit Tieren in der Gesellschaft:

Kultur als Open-Sorce-Software

Nach dem neuen Kulturbegriff ist Kultur ist ein komplexes System an Codes und Verabredungen, welches von allen Menschen der sozialen Gruppe mitgestaltet und ständig verändert wird. Wir können uns Kultur daher vorstellen wie eine open-source-software, deren Quellcode von tausenden Programmierern eingesehen und mitgestaltet werden kann.
Kultur als open-source-software
In dem dem Sinne, kann Cultural Hacking, wie Prof. Torsten Meyer formuliert: “[…] als eine zwar besondere, vielleicht radikale, vielleicht aber einfach nur interaktive Angleichung an und Aneignung von Kultur verstanden werden.”

Sinn des Hacking: Alternativen aufzeigen

Die Abweichung, die Alternative ist auch das wesentlichste Strukturmerkmal des Hacks. Der Hacker weiß, es gibt nicht die eine Weise, ein Gerät, eine Software, einen Dienst oder ein sonstiges technisches Artefakt zu verwenden, sondern es gibt immer auch eine Alternative. Es gibt immer einen Weg, der nicht vorhergesehen war. Das ist die Politik des Hackens: das Aufzeigen und Schaffen von Alternativen, ein Akt der Freiheit, denn es ist das Ausbrechen aus einem System. Der Hack hilft zwar nicht, das System zu überwinden, sich von ihm unabhängig zu machen oder irgendeine Souveränität gegen es zu behaupten. Aber es stellt dem System die Alternative als Versprechen und/oder Drohung gegenüber und verweist somit auf die Kontingenz und Fragilität seines Machtanspruchs.3

Im folgenden Bild demaskiert eine minimale Intervention ein alltägliches Symbol im Bezug auf seine darin versteckten sexistischen Rollenvorstellungen:

image

Es existiert also ein wesentlicher – und oftmals nicht verstandener – Unterschied zum Komplex des sogenannten „Culture Jamming“ und der Kommunikationsguerilla“, welche sich noch an althergebrachten Konfliktlinien abarbeiten: Es geht nicht darum, lediglich Kritik zu formulieren, Widerstand zu leisten oder den Gegner blosszustellen, sondern das Ziel besteht in der Schaffung einer Innovation. Die Rolle von Subversion wandelt sich also vom Ziel zum Mittel – genauer gesagt: einem (präferierten) Mittel – zur Realisierung notwendiger Innovationen4


Epilog: C.H. in der Bildung

 

cultural hacking in der Seminararbeit

Cultural Hacking in der kulturellen Bildungsarbeit ist eine sehr anspruchsvolle Technik. Allerdings befähigt die Auseinandersetzung mit und das Begreifen von Kultur das Verständnis vom Wesen von Kulturen. Wer mit kulturellen Mustern spielen will, muss diese zunächst erkennen, verstehen und dann wirkungsmächtig ändern. In Seminaren arbeite ich mit Cultural Hacking, um für die unsichtbaren Muster unseres Alltags zu sensibilisieren. Pädagogisch stelle ich die drei oben skizzierten Lektionen in dieser Reihenfolge vor und zeige jeweils Videos und Bilder zum besseren Verständnis. Danach bitte ich die Teilnehmer*innen eigene Hacks zu entwerfen …
Fahrplan Cultural Hacking in der Bildungsarbeit

hacking the Schul_Bildung

Folgende Überlegungen des Kunstprofessors Torsten Meyer zu Schul-Bildung  als unkreatives Übernehmen von kulturellen Mustern im Gegensatz zur Idee der dekonstruktiven und damit aber auch kreativen Kraft des Cultural Hacking möchte ich am Ende dieses Beitrags gerne weiter verbreiten:

Ich kann mir lebhaft vorstellen, welche Diskussion mein Vorschlag auslösen würde, auch Bildung in der Schule versuchshalber in der Form des Cultural Hacking zu denken. Schulen dienen soziologisch betrachtet eher einem Cultural Engineering als dem Cultural Hacking. Es geht dort um das Bewahren, nicht um das Weiterentwickeln von Kultur. Es geht um die Weitergabe von als kulturell bedeutsam erachteten Inhalten, um die Tradition dessen, was sich kulturell bewährt hat und deshalb als des Bewahrens wert angesehen wird. Mit ihren Schulen bewähren und bewahren sich Kulturen.

Andererseits ist die Schule aber auch die Institution, an der die Vergangenheit mit der Zukunft in Berührung kommt. Die Schule ist auch so etwas wie die Schnittstelle zwischen Tradition und kultureller Innovation, an der die Vor-Schriften der Kultur immer wieder mit den aktuellen (und absehbar zukünftigen) Realitäten abgeglichen werden müss(t)en und wo, um es drastisch zu sagen, das alte Drehbuch für die Rolle „Mensch“von immer wieder neuen Darstellern immer wieder neu und immer wieder individuell uraufgeführt wird. Wenn aber Drehbuch und Bühne nicht mehr zueinander passen, dann müssen die Darsteller eben viel improvisieren. Das führt möglicherweise automatisch zu einer Art Cultural Hacking.5


Und noch mehr…

 

Mehr zu (wissenschaftlichen) Publikationen und Hintergründen von Cultural Hacking und noch viele viele Beispiele, auf dem wunderbaren Blog: https://culturalhacking.wordpress.com/
alltägliche Muster neu definiert ...
Bilder von http://robertrickhoff.blogspot.de/


  1. CULTURAL HACKING von Franz Liebl, in: Düllo, Thomas./ Liebl, Franz (Hrsg.), (2005): Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns.
  2. Ebd.
  3. CULTURAL HACKING von Franz Liebl, in: Düllo, Thomas/ Liebl, Franz (Hrsg.), (2005): Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns
  4. CULTURAL HACKING von Franz Liebl, in: Düllo, Thomas/ Liebl, Franz (Hrsg.), (2005): Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns.
  5. Torsten Meyer: Postironischer Realismus: Zum Bildungspotential von Cultural Hacking, in: Johannes M. Hedinger/Marcus Gossolt/CentrePasquArt Biel/Bienne (Hrsg.) (2010): Lexikon zur zeitgenössischen Kunst von Com&Com. La réalité dépasse la fiction, S. 432-437: https://culturalhacking.files.wordpress.com/2010/10/comcom-katalog_meyer.pdf