Identität

Jeden Menschen gibt es nur einmal. Wir sind Teil vieler Gruppen deren verschiedenartige Prägungen, Einflüsse, Angebote und Zuschreibungen unseren ganz besonderen Identitäts-Cocktail, unsere ganz einzigartigen Eigentümlichkeiten, unsere individuelle Persönlichkeit, unsere Identität mitbestimmen.

Menschen haben vielfältige Identitäten

Da wir Teil vieler Kollektive sind und uns auch mit ihnen Identität im Führerstand eines LKWsidentifizieren bzw. mit ihnen identifiziert werden, haben wir auch mehrere Identitäten. So kann ich mich gleichzeitig als Bruder, Abteilungsleiter und Christdemokrat identifizieren. Im Gegensatz zur monolithischen Sicht auf Identität, in welcher der Mensch von einer (Herkunfts-) Kultur komplett programmiert wird, gibt es neuerdings ein additives Verständnis von Identität. Um bei der Programmierungsmetapher zu bleiben, bedeutet dies, dass die Menschen ein wunderbares Betriebssystem haben, auf welchem verschiedene Programmierungen/Programme parallel ablaufen können.

Das heißt, ich kann gleichzeitig Deutscher und Franzose sein, wenn ich mich (z.B. über ein Elternteil oder durch längere Aufenthalte in den Ländern) mit beiden Nationalitäten identifiziere. Ich kann dazu noch stolzer Schalke-Fan sein, Polizist und Familienvater. Die individuelle Identität ist somit vielfältig und einmalig weil bei jeder Person eine andere Kombination von Zugehörigkeiten in die Addition einfließt und die persönliche Gewichtung der einzelnen Zugehörigkeiten unterschiedlich ausfällt (z.B. identifiziert sich der eine stark mit seiner Berufsgruppe, während für den anderen der Beruf nur eine lästige, aber für den Lebensunterhalt notwendige Verpflichtung darstellt).

Jeder Mensch partizipiert aktiv an vielen Kulturangeboten, die sich gegenseitig durchdringen können. Aus den verschiedenen Kollektivkulturangeboten bildet das Individuum, jeweils im Zusammenspiel mit den eigenen persönlichen Erfahrungen und seinen biologischen Anlagen dynamische Identitäten aus. Diese aus mehreren Lebenserfahrungen zusammengesetzten Selbstbilder werden auch als “Bastelexistenzen”1, von “Patchwork-Identität” 2 und von “multiplen Selbsten”3

Identität in Bewegung

Identität darf man sich nicht feste konstante “Programmierung” vorstellen. Stattdessen ist Identität eher vergleichbar mit einer Webseite, deren Einstellungen, Inhalte und Erscheinungsbild ständig aktualisiert werden. Identität ist nämlich ein ständiger Prozess.

Die Vorstellung von Identität als einer fortschreitenden und abschließenden Kapitalbildung wird zunehmend abgelöst von der Idee, dass es bei Identität um einen Projektentwurf des eigenen Lebens (…) geht, oder um die Abfolge von Projekten, wahrscheinlich sogar um die gleichzeitige Verfolgung unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Projekte, die in ihrer Multiplizität in ganz neuer Weise die frage nach Kohärenz und Dauerhaftigkeit bedeutsamer Orientierungen des Lebens stellen.4

Vielleicht ist meine Familie lange das ausschlaggebende Identitätsmoment … mit 14 Jahren  nimmt das rapide ab, ich definiere mich jetzt vor allem über meine Altersgruppe, als Teeny dann ist vielleicht meine Ausbildung, das Student sein, meine wichtigste Identität

Die Wandelhaftigkeit und Unfertigkeit unserer Identitätsbildung bringt die Künstlerin Judith Dauth auf den Punkt. Ihr Werk “ichunterkonstruktion”, eine partizipative Wandinstallation zum Mitschreiben und Mitlöschen, regt die Betrachter an, über eigene Identitäten bzw. über identitätsstiftende Merkmale nachzudenken.

identität als temporäre konstruktion

Die Collage Insert Title von Luzie Wintersohl zeigt dagegen sehr anschaulich die Stückhaftigkeit und Komplexität unser Identitätsmomente.5

Stückwerk Identität
kulturelles Multitasking

Alle meine Gemeinschaften haben vielleicht sehr unterschiedliche Orientierungssysteme, dennoch kann mein Gehirn das managen! So spreche ich mit anderen Franzosen Französisch, während ich mit den Deutschen in derselben Abendrunde parallel auf Deutsch kommuniziere. Oder ich telefoniere mit meinem Chef in der erwarteten sachlich nüchternen Form, während ich nur Minuten später meine Tochter in einer weichen liebevollen Stimmlage weniger förmlich und in einer kindgerechten Art ansprechen werde. Im Fußballstadion bin ich dann wiederum ein ganz anderer Mensch …

Individuelle Vielfalt als Normalzustand

Die Problemlage, als Individuum zwischen Kulturen entscheiden zu müssen, weder zu der einen noch zu der anderen zu gehören, wird mit den neuen Konzepten von Multikollektivität faktisch aufgelöst. Es ist demnach heute nicht nur normal, sondern angesichts unserer vielfältigen Gesellschaften sogar zwingend notwendig, sich in mehr als einem Orientierungssystem zuhause zu fühlen.

Alle Kulturen sind hybrid 6 und wir, die wir in solchen heterogenen Gesellschaften sozialisiert und enkulturalisiert werden, sind immer schon kulturelle Mischlinge 7

Der Mensch ist nicht mehr über ein einziges Kollektiv zu deuten

Besonders die rasante Zunahme von Kollektivangeboten und Kollektivüberschneidungen in der neueren Zeit macht es schwer bis unmöglich einen Menschen über die Zugehörigkeit in einem Kollektiv zu verstehen:

Wenn früher vielleicht wirklich mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden konnte, dass beispielsweise ein westdeutscher Kohlebergarbeiter SPD wählt, führt steigende soziale Vielfalt, geografische Mobilität sowie Zugang zu weltweit vernetzten Kommunikationsmitteln verstärkt dazu, dass sich Kollektivgrenzen verschieben und überlagern: Nicht alle bayerischen Katholiken wählen CSU, brasilianische Teenager schwärmen für eine deutsche Popgruppe mit Wurzeln in der japanischen Jugendbewegung, und Frauen und Schwarze können deutsche Bundeskanzler oder amerikanische Präsidenten werden. 8

Das Verhalten, die Werte und Normen eines Menschen lassen sich nicht allein durch die Herkunftskultur erklären. Oft sind wir stärker durch unser Geschlecht, die soziale Schicht, das Arbeitsumfeld, oder etwa unser Alter geprägt. Darüber hinaus erlebt jeder Mensch täglich in seinem Kopf eine Aushandlung von verschiedenen Kulturen.


Unsere Heimaten

Auch der Begriff der Heimat, als Ort der gefühlten Zugehörigkeit muss pluralisiert werden. Meine Heimat kann gleichzeitig in der Normandie und in Unterfranken sein, gleichzeitig bei meiner Skatrunde in der Kneipe, in der Raucherecke mit meinen Kollegen oder am Abendbrottisch mit meiner Familie. Die Orte, die Menschen mit denen ich mich besonders tief verbunden fühle, das sind meine HeimatenHeimaten! Und davon kann ich viele haben!

Leider findet sich im Duden beim Schlagwort Heimat noch immer der Hinweis: „Plural nicht üblich“. Dagegen vertritt das Integrationsbüro der Stadt Zürich die These: „Jeder Mensch hat unterschiedliche Identitäten und verschiedene Heimaten.9

Ich bin gebürtiger Prager, und meine Ahnen scheinen seit über tausend Jahren in der Goldenen Stadt gewohnt zu haben. Ich bin Jude, und der Satz „Nächstes Jahr in Jerusalem“ hat mich seit meiner Kindheit begleitet. Ich war jahrzehntelang an dem Versuch, eine brasilianische Kultur aus dem Gemisch von west- und ostasiatischen und indianischen Kulturelementen zu synthetisieren, beteiligt. Ich wohne in einem provenzalischen Dorf und bin ins Gewebe dieser zeitlosen Siedlung einverleibt worden. Ich bin in der deutschen Kultur erzogen worden und beteilige mich an ihr seit einigen Jahren. Kurz, ich bin heimatlos, weil zu zahlreiche Heimaten in mir lagern. Vilém Flusser10


Menschen haben keine Wurzeln!

Oft ist die Rede von unseren kulturellen Wurzeln … und wir meinen damit eine kulturelle Herkunft oder Verbundenheit. Die Metapher der Wurzel ist aber nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

Menschen haben keine WurzelnFalsch ist die Metapher, weil Menschen keine Wurzeln haben. Bäume und Pflanzen haben Wurzeln. Menschen haben Füße! Das klingt banal, macht aber einen riesigen Unterschied. Pflanzen sind an den Boden gebunden, sind festgelegt durch den Ort des Keimlings. Um sie aber an einen anderen Ort zu bringen, muss man sie ausreißen, abschneiden, umtopfen … Menschen sind zum Glück flexibler. Menschen können Orte wechseln und ihnen dennoch verbunden bleiben. Menschen können sich an vielen Orten gleichzeitig zu Hause fühlen. Menschen sind nicht an einen Boden gebunden!

Gefährlich ist die Metapher der Verwurzelung wenn sie Menschen an einen Boden bindet. Gefährlich ist die Metapher der Verwurzelung, wenn über sie Menschen determiniert, festgelegt und ausgeschlossen werden. Besonders Rechtspopulisten sehen Menschen gerne mit dem Boden verbunden. Damit legitimieren sie für sich ein höheres Recht auf das Leben in einem Land als für andere. So heißt es z.B. auf der Internetseite der NPD:

Mittlerweile leben in Deutschland offiziell nahezu 16 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln (…)

im Parteiprogramm der NPD heißt es:

Wir lehnen alle „multikulturellen“ Gesellschaftsmodelle als unmenschlich ab, weil sie Deutsche und Nichtdeutsche gleichermaßen der nationalen Gemeinschaftsordnung entfremden und sie als entwurzelte Menschen der Fremdbestimmung durch Wirtschaft, Medien und Politik ausliefern.11.

from roots to routes

Menschen werden aber natürlich durch die Gemeinschaften mit denen sie zusammen leben und interagieren geprägt. Der Suche nach den kulturellen Wurzeln („Wo komme ich her?“) die als die eine bestimmende Konstellation für die kulturelle Identität gesehen wird stellt Stuart Hall die Reflexion gegangener (Lebens-) Wege gegenüber: From Roots to Routes lautet seine Formel programmatisch.12

Besser als die Metapher der Wurzel ist also die des Weges. Jeder Mensch geht in seinem Leben einen eigenen Weg … einen Weg durch verschiedene Orte … einen Weg durch verschiedene Gemeinschaften.

So führt mich mein Lebensweg vielleicht von einer protestantischen Kleinfamilie aus einem Vorort von Berlin, über eine internationale Studentengemeinschaft in Barcelona bis hin zu einem Architektenbüro und einer Yogagruppe in Stuttgart. Die Orte, vielmehr aber noch die Gemeinschaften mit denen ich an den Orten meines Weges verbunden bin prägen mich und meine Identität. Spreche ich von “ostdeutschen Wurzeln” verkenne ich die vielen anderen Erfahrungsorte und Ebenen und verzerre die Vielfalt meiner tatsächlichen Herkünfte.from roots to routes

mehr zu Identität & Wurzeln


 

  1. Nach Ronald Hitzler sind Individualitätssucher ‚Existenzbastler‘, die das Ich konstruieren, indem sie nach dem Verlust von Sinnstiftungen nach temporären und posttraditionalen Vergemeinschaftungen suchen. Vgl. Prisching, Manfred (2010), Fragile Sozialität, Inszenierungen, Sinnwelten, Existenzbastler, Wiesbaden, S. 179-195
  2. Keupp, Heiner et al. (1999): Identitätskonstruktionen: Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Hamburg
  3. Begriff von Helga Bilden, mehr dazu in einem thematischen Artikel auf ihrer Homepage
  4. Keupp, Heiner et al. (1999): Identitätskonstruktionen: Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Hamburg, S.30
  5. Die Arbeiten entstanden im Workshop (fremd)SEIN. We’re-worked – We’re-mixed – We’re-arranged an der Uni-Köln 2014
  6. Said, Edward W. (1996): Kultur und Identität – Europas Selbstfindung aus der Einverleibung der Welt, in: Lettre International 34, S. 21-25
  7. Welsch, Wolfgang (1998): Transkulturalität. Zwischen Globalisierung und Partikularisierung, in: Mainzer Universitätsgespräche. Interkulturalität. Grundprobleme der Kulturbegegnung. Mainzer Universitätsgespräche 1998, Mainz, S.56
  8. Rathje, Stefanie (2009): Der Kulturbegriff – Ein anwendungsorientierter Vorschlag zur Generalüberholung, in: Moosmüller, Alois (Hrsg.): Konzepte kultureller Differenz – Münchener Beiträge zur interkulturellen Kommunikation, München, S. 10
  9. zitiert nach: Hugo Loetscher: Schweizstunde. Die Zeit. 22. April 2009
  10. Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit, in: Flusser, Vilem, Bodenlos. Eine philosophische Autobiographie. Bollmann, Bensheim 1992
  11. Das Parteiprogramm der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD)Beschlossen auf dem Bundesparteitag am 4./5.6.2010 in Bamberg
  12. Hall, Stuart: Who Needs Identity?, in Hall, Stuart/Du Gay, Paul (Hrsg.): Questions of Cultural Identity. London, 1996. Online in seiner Dankesrede zur Preisverleihung des „Routes – Princess Margriet Award‘ for Cultural Diversity“ der ‚European Cultural Foundation‘ 2008