Postkolonialismus

Die Beziehungen zwischen globalem Norden und globalem Süden, sind bis heute fundamental geprägt von einer gemeinsamen Vergangenheit der Kolonisierung. Postkolonialismus thematisiert das Fortbestehen und Nachwirken von Beziehungsmustern kolonialer Herrschaft.

Es gab viele Formen von gewaltsamer Besetzung/ Kolonialisierung in der Menschheitsgeschichte, nicht nur von europäischer Seite. Der europäische Kolonialismus ist aber einzigartig, was das Ausmaß und die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Veränderungen angeht, die im Zuge dieser Epoche weltweit entstanden sind. Mehr zum Kolonialismus hier

Die Beziehungen zwischen globalem Norden und globalem Süden, sind bis heute fundamental geprägt von einer gemeinsamen Vergangenheit der Kolonisierung.

Bis heute gibt es global eine ungleiche Machtverteilung auf allen Ebenen:

  • wirtschaftliche Macht
  • politische Macht
  • medialer Einfluss
  • wissenschaftliche Macht

Vor allem die Menschen in den Südländern bekommen die (negativen) Folgen davon zu spüren (z.B. Ausbeutung in den globalen Arbeitsmärkten, Nachteilige Handelsabkommen auf dem Weltmarkt, Einschränkung der internationalen Bewegungsfreiheit, etc.).

Die Postkoloniale Theorie

Die Postkoloniale Theorie ist eine Wissenschaft, die sich seit den 1970er Jahren (bzw. früher) mit dem Vermächtnis des Kolonialismus befasst. Ziel ist die Offenlegung und Bekämpfung der Effekte, die der Kolonialismus bis heute auf Gesellschaften in Nord und Süd hat. Postkoloniale Denker_innen (Said, Spivak, Bhabha etc.) haben aufgedeckt, wie Annahmen, die der Logik des Kolonialismus zugrunde lagen, bis heute präsent sind. Deshalb spricht man von kolonialen Kontinuitäten, die auch heute noch in Wissensproduktion, Sprache, Texten, Bildern, Wahrnehmungen vom globalen Süden präsent sind.

Der europäische Kolonialismus ist auch einzigartig bezüglich der Verbindung mit Rassismus als wissenschaftlich und gesamtgesellschaftlich gestützter Ideologie, die mit den kolonialen Eroberungen einherging und zu deren Legitimierung herangezogen wurde.

Politische und wirtschaftliche Kontinuitäten

Inwieweit die westlichen Staaten bis in die Gegenwart ihre durch die Kolonialisierung erworbenen politischen und wirtschaftlichen Privilegien schützen und erhalten konnten hat Jeffrey R Bennett aufgelistet.1 Demnach gilt für die ehemaligen Kolonialmächte:

  • Besitzen und kontrollieren das Weltbankensystem
  • Kontrollieren alle harten Währungen
  • Repräsentieren die wichtigsten Kunden der Welt
  • Erstellen die Mehrzahl von Fertigprodukten
  • Dominieren die internationalen Kapitalmärkte
  • Bereit für massive militärische Interventionen
  • Kontrollieren die Seewege

Titus Alexander nennt diese postkolonialen Tatsachen aus Wirtschaft und Politik, die Säulen der globalen Apartheit:2

Säulen der global apartheid

  • Vetokraft westlicher Minderheiten im UN-Sicherheitsrat
  • Stimmenanteile in IWF und Weltbank
  • Dominanz westlicher Mächte in der Welthandelsorganisation
  • Doppelstandards (Protektion westl. Märkte u. Subvention d. Landwirtschaft,
  • bei gleichzeitiger Öffnung der Südländer als Absatzmärkte)
  • Schutz der harten Währungen durch die BIZ
  • Immigrationskontrolle nach Bedürfnissen westlicher Arbeitsmärkte
  • Entwicklungshilfe und Investitionen um die Eliten der Südländer zu kontrollieren
  • Militärische Interventionen in Ländern, die sich der westl. Dominanz wiedersetzen

Die folgenden Bilder zeigen, wie stark der heutige Status in der Weltwirtschaft und Weltpolitik  noch von der Kolonialen Vorgeschichte geprägt ist. Zu beachten ist dabei vor allem die Rolle der ehemaligen Kolonialmächte.

Sicherheitsrat 2014

 


Kulturelle Kontinuitäten

Die Beziehungen zwischen globalem Norden und globalem Süden, sind bis heute fundamental geprägt von einer gemeinsamen Vergangenheit der Kolonisierung. So gelten bis heute europäische Wissenssysteme noch unhinterfragt als “Weltstandarts” z.B. Kalender, Uhrzeit, Zeitrechnung, Zeitzonen, geografische Einteilungen und Benennungen der Erde, physikalische Einheiten und Bezeichnungen, Englisch ist als Lingua franca, Kapitalismus, Nationalismus, Fortschrittsidee etc.

Europäische Denker_innen und ihre Theorien, europäische Geschichte und Geschichtsinterpretation, europäische Medien (und damit Sichtweisen auf aktuelle Ereignisse) dominieren bis heute die internationale Wissensagenda.

Die Vinayaka Mission`s University im indischen Tamil Nadu. Ein Zufall, dass das Gebäude dem Kapitol in Washington sehr sehr ähnlich sieht? Was soll damit ausgestrahlt werden? Welche Bilder sind mit der USA in Indien und mit Indien in den USA verknüpft? Schicken mehr indische Familien ihre Kinder zum Studieren in die USA oder mehr US-Familien ihre Kinder zum Studium nach Indien? Warum ist das so?


Links & Literatur Postkolonialismus

 

  • “Mit kolonialen Grüßen … „: geht auf zentrale Themen wie Kolonialismus und Rassismus ein und beschäftigt sich mit Fragen der eigenen gesellschaftlichen Positionierung. Verdeutlicht werden die Wirkungsmacht von Sprache, Bildern und Erzählmustern: http://www.glokal.org/publikationen/mit-kolonialen-gruessen/
  • Deutscher Kolonialismus – Ein vergessenes Erbe? (Bildungsstätte Anne Frank): Neben theoretischen Grundlagen finden sich in der Broschüre pädagogische Ansätze zur Analyse postkolonialer und rassistischer Bilder und Stereotype in der heutigen Gesellschaft sowie methodische Empfehlungen, wie diesen im postkolonialen Lernraum begegnet werden kann.  Broschüre als PDF
  • Film u.a. mit Interview Edwart Sais zu Orientalism, der Konstruktion des Orients (Video)

Literatur zur Einführung

  • J.M. Blaut: The Colonizer’s Model of the World: Geographical Diffusionism and Eurocentric History , Guilford Press 1993
  • Sebastian Conrad, Shalini Randeria (2002): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Campus, 2002.
  • María do Mar Castro Varela, Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld 2005
  • Ina Kerner: Postkoloniale Theorien zur Einführung, Hamburg 2012
  • Friederike Habermann: Der unsichtbare Tropenhelm. Wie koloniales Denken noch immer unsere Köpfe beherrscht, Klein Jasedow 2013

Materialien zur globalen Gerechtigkeit

  • ‚white charity‘ stellt unterschiedliche Perspektiven vor: Ausgehend von den Spendenplakaten diskutieren Vertreter_innen von Hilfsorganisationen mit Wissenschaftler_innen über Entwicklungszusammenarbeit, koloniale Fantasien, Rassismus und Machtstrukturen. http://www.whitecharity.de/
  • http://www.therules.org/ Die Ungleichheit auf der Welt wird markant präsentiert (Videos und Folien) und angeregt, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu verändern.

  1. Jeffrey R. Bennett, Exclusion as National Security Policy, Parameters, 24, 1994, S. 54
  2. Titus Alexander, Unravelling Global Apartheid: An Overview of World Politics, Polity Press, 1996