Kultur ist ein grundlegender, wie auch breiter und diffuser Begriff. Im weiten Sinne bedeutet Kultur die Gesamtheit alles Menschlich-Kreativem im engeren Sinne ist Kultur ein System von Konzepten und Werteorientierungen sozialer Gruppen, das innerhalb der Gruppen eine reibungslose und effektive Interaktion erlaubt.

Kultur als Containerbegriff

„Kultur ist in gewisser Weise alles“
Bernhard Wadenfels

Kultur als Containerbegriff

Das Wort „Kultur“ wird heute in Alltag und Wissenschaft in so vielen verschiedenen Kontexten verwendet, dass eine genaue Begriffsbestimmung schwierig erscheint. In dem Begriff werden verschiedene Phänomene, Mechanismen und Bereiche bewusst oder unbewusst miteinander zusammengeworfen. Es gibt keinen allgemein gültigen Kulturbegriff. Was unter Kultur verstanden wird, muss in den unterschiedlichen Kontexten geklärt und erarbeitet werden.

Ich habe einmal versucht herauszufinden, welche Vorstellung von Kultur hinter dem Begriff der auswärtigen Kultur und Bildungspolitik der BRD steht. Ich habe dazu keine eindeutige Antwort gefunden. In den Veröffentlichungen zuständiger Stellen des Auswärtigen Amtes wird deutlich, dass der Begriff in seinem ganzen Bedeutungsspektrum, nie aber wirklich scharf und eindeutig benutzt wird. Zumeist steckt dahinter irgendeine Vorstellung von einer (wie auch immer gearteten) deutschen Nationalkultur, zum anderen aber gleichzeitig die Idee von künstlerischen Leistungen (von wie auch immer gearteten) „deutschen Künstlern“.

Unklarer Begriff – unklare Vorstellung

Vielleicht ist es aber gerade diese Unschärfe und quasi Allgemeingültigkeit, die dazu führt, dass mit dem Begriff auch das Verständnis von Kultur verwässert und verschwimmt.

Der breite und unreflektierte Kulturbegriff trägt viele falsche und überkommene Vorstellungen mit sich. Von rechten Gruppierungen kann der Begriff daher als Äquivalent von Rasse für den Wahlkampf und gesellschaftliche Stimmungsmache benutzt werden. Einige Akteure der Bildungsarbeit lehnen den Begriff mittlerweile schon komplett ab.

Es ist Zeit den Begriff und seine Bedeutung konkreter und präziser zu fassen. Vielleicht ist er ja noch zu retten?


Die zwei Seiten des Kulturbegriffs

Eine einfache Übersicht über die verschieden im Kulturbegriff vermengten Phänomene schafft die grundsätzliche Unterscheidung des Begriffs in zwei Bedeutungsebenen:

Zwei Definitionsrichtungen von Kultur

  1. Kultur als schöpferisch kreative Kraft des Menschen

Die erste Bedeutungsebene meint Kultur als menschlich schöpferischen Gegensatz zur Natur bzw. natürlichen Kräften. Damit ist alles, was dem menschlichen Geist entspringt, was also nicht angeboren oder „natürlich“ ist im weiteren Sinne eine kulturelle Leistung und damit Kultur: das bestellen von Feldern, das Benutzen von Werkzeugen, Kunst, Musik, Architektur, Erfindungen etc. …

Diese Bedeutungsebene von Kultur meint die UNESCO, wenn sie von Kulturgütern oder etwa dem „Kulturerbe“ spricht.

  1. Kultur als Orientierungssystem sozialer Gruppen

Die zweite Bedeutungsebene von Kultur fasst eine konkretere menschliche Konstruktionsleitung, nämlich die Konstruktion von spezifischen Lebenswelten sozialer Gruppen. Kultur meint hier ein System aus geteilten Vorstellungen und Verabredungen welches eine Gemeinschaft für sich entwickelt. Die Bedeutungsebene umfasst also die soziale Komponente von Kultur und ist gemeint, wenn wir über die „Kulturen der Welt“, Länderkulturen, Geschlechtskulturen, Betriebskulturen, usw. sprechen.

Die beiden Bedeutungsebenen von Kultur sind nicht trennscharf und beinhalten, bzw. überschneiden sich. So ist der Kölner Dom z.B. beides, Ausdruck menschlicher Kreativität im weiteren Sinne, als auch Ausdruck und Symbol spezifischer sozialer Gruppen, der christlichen Gemeinschaft etwa, oder der deutschen Nation. Im Folgenden und in Bezug auf diesen Blog, gebrauche ich den Begriff „Kultur“ fast ausschließlich im Sinne von Orientierungssystem von sozialen Gruppen.


Was ist Kultur? – eine Erklärung in Methapern

Jede Kultur ist ein komplexes System von Konzepten und Werteorientierungen. Kultur ermöglicht damit innerhalb von Gruppen eine reibungslose und effektive Interaktion.

Die folgenden Metaphern umreißen die wesentlichen Elemente des Kulturbegriffs und machen ihn damit greifbarer.Kultur als VerkehrsregelsystemKultur als Verkehrssystem Man kann sich Kultur als ein komplexes Set von Regeln und Verabredungen vorstellen. So wie an der Straßenkreuzung Verkehrsregeln gelten – und damit Autos wie von Geisterhand nicht zusammenstoßen, haben auch menschliche Gruppen Regeln und Vereinbarungen getroffen, die ein reibungsloses Zusammenleben ermöglichen. In Satzungen von Gesellschaften oder Organisationen sind solche Regeln sogar schriftlich fixiert, in einem Staat nennt man sie Gesetze, in einer Schulklasse vielleicht Klassenregeln. Aber auch wenn sie nicht aufgeschrieben sind, gibt es solche Regeln auch in kleineren Gruppen, wie z.B. Familien oder Wohngemeinschaften. Verantwortlichkeiten, Begrüßung, Rituale (z.B. gemeinsame Essenszeiten) etc. ermöglichen ein Zusammenleben und eine gewisse Sicherheit und Orientierung für den Einzelnen oder die Einzelne.


Kultur als SpielregelsystemKultur als Brettspiel  Die Metapher des Brettspiels verdeutlicht den Aspekt spezifischer kultureller Verabredungen in Gruppen. Ein Brettspiel kann nur funktionieren, wenn alle Spieler die Regeln und Vereinbarungen kennen und sich auch daran halten. Gleichzeitig gelten diese Spielregeln nur für das jeweilige Spiel. Monopoly kann ich eben nicht mit Schachregeln spielen. Auch Kultur ist ein Regelsystem. Menschen orientieren sich an diesen kulturellen Regelsystemen, lernen mitzuspielen, um nicht aneinander zu geraten. Auch kulturelle Orientierungssysteme können sich maßgeblich voneinander unterscheiden und das Mitspielen für nicht Eingeweihte damit erschweren.


Kultur als Landkarte-Kultur als Landkarte  Kultur dient dem Einzelnen als Orientierungssystem in sozialen Gruppen. Wie eine „Landkarte von Bedeutungen“1 hilft sie das eigene Verhalten dem Wesen und Anforderungen der jeweiligen Gemeinschaft anzupassen. Wir können Wege und anerkannte Möglichkeiten auf unserer kulturellen Orientierungskarte ebenso ausloten, wie No-Gos und schwieriges Terrain. Die kulturelle Landkarte hilft uns in Gruppen zueinander zu finden und gleichsam Kollisionen zu vermeiden.


Kultur als allgegenwärtige UmgebungKulturträger als Fisch im Wasser  Die Metapher des Fisches im Wasser verdeutlicht die unbemerkte Allgegenwart von Kultur. Wie ein Fisch in seinem Element nicht bemerkt, dass er das Wasser zum Leben braucht, bemerken wir im Alltag selten, dass wir uns ständig an unsichtbaren Mustern, eben unseren Kulturen, orientieren. Erst wenn wir nicht mehr in unserer gewohnten Kultur schwimmen schnappen wir nach Luft und bemerken, dass uns etwas fehlt. Essensgewohnheiten sind nur ein Beispiel dafür. Schon wenn wir bei anderen Familien beim Frühstück sitzen, können wir vielleicht eine Befremdung bemerken. Aber in anderen Ländern stellen wir dann erst fest, dass Brot und Müsli nicht die einzigen Möglichkeiten sind, sich Morgens zu ernähren.


Kultur als GrammatikKultur als Grammatik  So wie wir jeden Tag die korrekte Grammatik unserer Muttersprache sprechen, ohne dass wir uns daran erinnern können, sie explizit gelernt zu haben, so wenden wir täglich die jeweilige Grammatik unserer Kulturen an, um uns in den Gemeinschaften miteinander zu verständigen. Auch die komplexen kulturellen Grammatiken haben wir nie explizit gelernt, sondern sind mit ihnen sozialisiert worden.


Kultur als open-source-softwareKultur als Open-Sorce-Software Kultur ist ein komplexes System an Codes und Verabredungen, welches von allen Menschen der sozialen Gruppe mitgestaltet und ständig verändert wird. Wir können uns Kultur daher vorstellen wie eine open-source-software, deren Quellcode von tausenden Programmierern eingesehen und mitgestaltet werden kann.


Kultur als Rucksack

Kultur als Rucksack Die Metapher des unsichtbaren Rucksacks, den wir prall gefüllt überall hin mitnehmen, zeigt, dass unsere Kulturen reichhaltige Ressourcen sind, aus denen wir täglich schöpfen können. Auf der anderen Seite können die kulturellen Prägungen auch schwere Bürden sein, die es uns nicht immer leicht machen, uns flexibel auf ein neues Gegenüber einzustellen. Eins ist klar, wir tragen alle unser kulturelles Bündel und keins ist wie das andere.


Kultur als BrilleKultur als Brille Menschen werden durch ihre Kulturen geprägt. Eine Kultur beeinflusst Wahrnehmen, Denken, Werte und Handeln aller ihrer Mitglieder. Die Metapher der „kulturellen Brille“ verdeutlicht, dass unsere kulturellen Prägungen unsere „objektive Wahrnehmung“ stark beeinflussen. Wir sehen und interpretieren die Welt in den Mustern und Codes, die wir gelernt haben. Dabei ist die Brille zunächst als ein Hilfsmittel zur Orientierung in unserem Umfeld zu verstehen. Aber wie bei einer Brille verzerren unsere Vorerfahrungen und Gruppenzugehörigkeiten unsere Sicht auf die Welt und die Dinge auch in einer besonderen Art und Weise. Zwei Menschen können so bei der Betrachtung der gleichen Situation zu sehr unterschiedlichen Interpretationen und Wertungen kommen.


Kultur als ZwiebelKultur als Zwiebel Die Kulturzwiebel ist ein Modell nach Geert Hofstede. Dabei werden Komponenten von Kultur in äußere (eher oberflächliche) und innere (eher tiefere) Schichten eingeordnet. Wie bei einer Zwiebel entstehen so verschiedene „Schalen“, bzw. Ebenen. Wie der äußere Betrachter von einer Zwiebel zunächst nur die äußere Schicht wahrnimmt, sind auch bei unseren Kulturen bestimmte Komponenten offensichtlicher und damit sichtbarer als andere. Symbole sind nach Hofstede die am leichtesten veränderbare und am deutlichsten sichtbare Komponente von Kultur und deshalb bilden sie die „oberflächliche“ äußerste Schicht der Zwiebel. Von außen nach innen zählt Hofstede insgesamt vier Schichten auf, die aufsteigend jeweils immer tiefe und wesentlichere Aspekte eines kulturellen Systems beschreiben: Symbole, Helden, Rituale und Werte. 2Kulturzwiebel

Symbole sind Worte, Gesten, Bilder oder Objekte, die eine bestimmte Bedeutung haben, welche nur von denjenigen als solche erkannt wird, die der gleichen Kultur angehören. […] Neue Symbole entwickeln sich rasch, und alte verschwinden; Symbole einer kulturellen Gruppe werden regelmäßig von anderen nachgeahmt.3

Helden sind Personen, tot oder lebend, echt oder fiktiv, die Eigenschaften besitzen, welche in einer Kultur hoch angesehen sind; sie dienen daher als Verhaltensvorbilder. Selbst Fantasie- oder Comicfiguren […] dienen als kulturelle Heldenfiguren. 4

Rituale sind kollektive Tätigkeiten, die für das Erreichen der angestrebten Ziele eigentlich überflüssig sind, innerhalb einer Kultur aber als sozial notwendig gelten: sie werden daher um ihrer selbst willen ausgeübt. Formen des Grüßens und der Ehrerbietung anderen gegenüber, soziale und religiöse Zeremonien sind Beispiele hierfür.5

Werte sind „die allgemeine Neigung, bestimmte Umstände anderen vorzuziehen. Werte sind Gefühle mit einer Orientierung zum Plus- oder zum Minuspol hin. 6

Kulturzwiebel Beispiele


Kultur als FlussKultur als Fluss   Die Metapher des Flusses verdeutlicht die Prozesshaftigkeit von Kultur. Es scheint als gibt es den Fluss, als habe er Gestalt. Schaue ich genauer hin, dann entdecke ich, dass der Fluss nie als Sache existiert. Es ist ein ständiges fließen tausender Wassertropfen. Der Fluss ist nie da. Was ich sehe ist kein Ding sondern ein Prozess. Der Fluss hört nie auf zu werden (sonst würde er versiegen). Aus hunderten Quellen sickert und sprudelt Wasser, vereint sich mit Schmelz und Regenwasser in dem Fluss. Denn das Wesen des Flusses ist das Zusammenfließen, die Vereinigung von Wasser, nur daher kommt es zur Bewegung, dadurch kommt es zum Fluss.

Kultur kann man sich wie einen Fluss vorstellen, als einen lebendigen Prozess, der von verschiedenen Quellen gespeist wird. Kultur ist nichts statisches, abgeschlossenes, sondern etwas, was ständig erneuert, verändert und bereichert wird.

Achtung: Jede einzelne Metapher greift zu kurz und verengt den Kulturbegriff. Zusammengenommen geben die Metaphern aber vielleicht eine plastischere Idee des doch sehr komplexen Begriffs der Kultur.


Neuer Kulturbegriff

In den letzten Jahrzehnten hat es eine fundamentale Umdeutung des Kulturbegriffs gegeben.
mehr dazu unter Neuer Kulturbegriff oder direkt zu den vier Veränderungen des Kulturbegriffs:

>Multikollektivität   >Durchdringung    >inhaltliche Differenz    >radikale Individualität


 

  1. Roth, Juliana (2008): Interkulturelle Kompetenz im Praxisfeld Schule, Vortrag zum Thüringer Sprachentag, 30. September 2008
  2. Geert Hofstede (2012): Lokales Denken, globales Handeln: Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, S. 8 ff.
  3. Ebd. S. 8
  4. Ebd. S. 9
  5. Ebd.
  6. Ebd. S. 9 f.