Neuer Kulturbegriff

In den letzten Jahrzehnten hat es eine fundamentale Umdeutung des Kulturbegriffs gegeben. Die Veränderungsanregungen kommen aus verschiedenen wissenschaftlichen und gesellschatlichen Quellen und reagieren auf wesentliche Veränderungen der Welt im 21.Jahrhundert.

Eine interdisziplinäre Neuschöpfung

An der radikalen Neuformulierung haben nicht nur die Soziologie, Kulturantrophologie und Kulturwissenschaften mitgearbeitet. Entscheidende Impulse kamen von postmodernistischen und postkolonialen Denkern, aber auch von Historikern (global history) und Pädagogen (z.B. aus der Migrationspädagogik).

Neue Realitäten erfordern neue Konzepte

Die Welt verändert sich rasant. Herkömmliche Deutungen von Kultur und Begegnung stammen vor allem aus der Zeit des Nationalismus. Seit Herder  und dem 19.Jh. hat sich allerdings einiges geändert. Neue Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Kommunikation haben auch unsere Gemeinschaften und Gruppenzugehörigkeiten verändert. Nun brauchen wir neue, offenere Konzepte, um zeitgenössische Kulturen und Kulturgruppen beschreiben zu können.

  • entgrenzung: Nationalstaatliche Grenzen, – Territorialität und – Souveränität werden zunehmend aufgelöst, bzw. in einen neuen, größeren Zusammenhang stellt.  60% aller alltagsrelevanten Gesetze, z.B., werden heute in Brüssel und nicht mehr in Berlin gemacht. Eine zentrale Prämisse der Neuzeit verliert damit ihre Gültigkeit, die Vorstellung in geschlossenen und gegenseitig abgrenzbaren Räumen von Nationalstaaten und ihnen entsprechenden Nationalgesellschaften zu leben und zu handeln. Die heutigen Kulturen entsprechen nicht mehr den alten Vorstellungen geschlossener und einheitlicher Nationalkulturen. Sie sind durch eine Vielfalt möglicher Identitäten gekennzeichnet und haben grenzüberschreitende Konturen.“ 1
  • geografische Mobilität: Handlungsrelevante Räume sind somit vor allem funktional bestimmt und reichen über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Man braucht heute keine Karte von Territorien mehr, schreiben Bright und Geyer, sondern von Transaktionen. 2
  • soziale Vielfalt: Wir können in unserem Alltag eine Zunahme von Kollektivangeboten verzeichnen. Während dem Jugendlichen vor 100 Jahren eher wenige bis keine Jugendgruppen zur Verfügung standen, gab es in den 50er Jahren schon verschiedene Jugend-Szenen (z.B. den Rock’n Roll). Heute stehen Jugendlichen eine Vielzahl von Jugendgruppen verschiendenster Art zur Verfügung. Viele davon (z.B. Hip Hop, Punk, Manga, Emo, Metal etc.) sind international und verbinden damit Jugendliche verschiedenster Herkünfte.
  • weltweite Vernetzung: durch Kommunikationsmittel wie das Internet oder die Mobiltelefonie. Die dadurch entstandene Informationsgesellschaft unterscheidet sich grundlegend von früheren Generationen. Wir können heute gleichzeitig Teil von lokalen Gruppen und Kulturen sein (z.B. in einem dörflichen Karnevalsverein) und gleichzeitig online Freizeitkulturen mit Menschen aus weit entfernten Erdteilen pflegen, vom Online-Game zu Programmierer-Foren etc.). „Alles ist mit allem verknotet und vernetzt […] Nicht Grenzen, sondern Links und Vernetzungen organisieren den Hyperraum der Kultur. Der Globalisierungsprozeß, beschleunit durch neue Technologien, ent-fernt den kulturellen Raum.“3

Sicherlich sind diese Veränderungen nicht die einzigen Faktoren, die einen neuen Kulturbegriff provoziert haben. Die alten Vorstellungen von Kultur und Identität sind auch generell immer stärker in Kritik geraten. 4


Der neue Kulturbegriff

Da es bislang kein offizielles Gremium für die Festlegung von gebräuchlichen Begrifflichkeiten gibt, unterscheiden sich natürlich auch die Begriffe, Vorstellungen und Inhalte neuer Kulturkonzeptionen. Die große Zahl gleichzeitiger Begriffe heute (interkulturell, transkulturell, hyperkulturell etc.) kann man allerdings als ein deutliches Zeichen für einen Paradigmenwechsel lesen. Eine gute Zusammenfassung der aktuellen Kulturbegriffsdebatte und eine kluge Neuformulierung finden sie hier online bei Stefanie Rathje.5

Die vier Veränderungen des Kulturbegriffs

Ich habe aus der Arbeit von Stefanie Rathje und anderen Werken folgende vier wesentliche Veränderungen herausgearbeitet:

>Multikollektivität   >Durchdringung    >inhaltliche Differenz    >radikale Individualität

 

 

  1. Welsch, Wolfgang (1998): Transkulturalität. Zwischen Globalisierung und Partikularisierung, in: Mainzer Universitätsgespräche. Interkulturalität. Grundprobleme der Kulturbegegnung. Mainzer Universitätsgespräche 1998, Mainz, S.56.
  2. Bright, Charles/ Geyer, Michael, World history in a global age, in: American Historical Review 100, 1995. S. 1034-1060.
  3. Han, Byung-Chul: Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung, Berlin 2005, S. 15ff.
  4. aus pädagogischer Perspektive z.B. Kalpaka, Annita; Mecheril, Paul (2010), Interkulturell. Von spezifisch kulturalistischen Ansätzen zu allgemein reflexiven Perspektiven, in: Paul Mecheril et al. (Hrsg): Migrationspädagogik, Weinheim
  5. Rathje, Stefanie, Der Kulturbegriff – Ein anwendungsorientierter Vorschlag zur Generalüberholung, in: Moosmüller, Alois (Hrsg.), Konzepte kultureller Differenz – Münchener Beiträge zur interkulturellen Kommunikation, München 2009