Neuer Kulturbegriff II

Durchdringung

Kulturen werden nach neueren Kulturkonzeptionen nicht mehr als klar abgrenzbare Entitäten  wahrgenommen, sondern vielmehr als wandelhafte hochdynamische Kommunikationsprozesse, die sich gegenseitig durchdringen und nicht klar voneinander abgrenzbar sind.


Alter Kulturbegriff   Eindeutige Grenzen

 

Eindeutige GrenzenFolie24

Vom 19. Jahrhundert (Herder) bis heute, stellen sich viele Kulturen als Kugeln, Kreise, Blöcke bzw. allgemein als räumliche Gebilde vor. Das wichtigste Merkmal dieser Vorstellung ist die Idee, Kulturen könnten sauber, klar und eindeutig voneinander unterschieden und abgegrenzt werden (Grenzkohärenz). Rechts vom Rhein ist die deutsche Kultur, links davon die französische Kultur zu finden; das ist männlich, das weiblich; das ist kindlich, das ist erwachsen usw. …

Karambolage deutscher und französischer KlischeesDie Idee einer klaren Abgrenzung ist auch die Grundlage von Vorstellungen, Kulturen könnten zusammenstoßen (clash of cultures/civilisations). So nennt der TV-Senders ARTE seine Sendung über deutsch-französische Eigenheiten “Karambolage” (Aufprall/Kollision). Bild: Karambolage/arte


Kulturen sind statischeinmal deutsch, immer deutsch ...

Kulturen werden aber nicht nur als klar abgrenzbare Gebilde verstanden, sondern auch als statisch. Auch wenn diese Idee eher unbewusst da ist, so kann man sie dennoch weitläufig anzutreffen. Danach sind die Deutschen so wie schon die Germanen, die Franzosen wie einst die Gallier und die Unterschiede von Frauen- und Männerkulturen haben sich seit der Steinzeit auch kaum entwickelt. Die Spanier waren demnach schon immer „heißblütig“, während die Schweden wie ihre Wikingervorfahren eher kaltblütig sind.

Die sicherlich übertriebenen und zur Unterhaltung bestimmten Comics von Asterix und Obelix enthalten viele breit geteilte Vorstellungen über die verschiedenen Herkunftskulturen. Sie spielen mit diesen Stereotypen und auch mit den nationalen Geschichtsbildern des 19. und 20. Jahrhunderts, in welchen die eigene Nationalkultur (und ihre Eigenschaften) unmittelbar auf mythische „Urvölker“ bezogen wurde.

Problematik der eindeutigen Beschreibung von Kultur

Kulturen sind keine Objekte. Kulturen sind Orientierungssysteme aufgrund von Kommunikationsprozessen. Kommunikationsprozesse lassen sich kaum in räumliche Grenzen pressen. Sobald Menschen mit unterschiedlichen Prägungen miteinander in Kontakt kommen, kommt es zur Kommunikation und damit zur Interaktion bzw. kulturellen Vermischung. Selbst wenn wir (wie der alte Kulturbegriff) nur auf der Ebene der Herkunftskulturen bleiben, können wir in der gesamten Menschheitsgeschichte grenz- und raumübergreifende Wanderungen und Kommunikation beobachten.


Neuer Kulturbegriff   kulturelle Durchdringung

 

Menschen in grenzenlosem Kontakt
Durchdringung

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Wanderungen. Wanderungen und Migration stellen nach unserem heutigen Bild eher die Ausnahme, als die Regel dar. Tatsächlich aber sind die Wanderungen in der Menschheitsgeschichte eher die Norm als die Ausnahme. Die längste Zeit in der Geschichte (80.000-90.000 Jahre!) lebte der Mensch als Jäger und Sammler ohne festen Wohnsitz. Aber auch in den jüngeren Jahrtausenden wanderte der Mensch auf Nahrungssuche, um Kriege zu führen, um zu flüchten, zu reisen, Handel zu treiben. Menschen wurden vertrieben, verschleppt, verkauft … Die Völkerwanderung, die Kolonialisierung, der transkontinentale Sklavenhandel, die Völkerschlacht bei Leipzig, die Weltkriege, all das sind nur wenige, aber bekannte Beispiele aus einer unschätzbar großen Interaktions- und Mobilitätsgeschichte der Menschheit.

Jede Wanderung, jeder Krieg, jede Grenzverschiebung, jede Besatzung, jedes Handelsschiff hat die scheinbar eindeutigen Kulturräume durchbrochen und in Interaktion miteinander gebracht. Der Historiker Michael Mann geht sogar davon aus, dass wir die Menschheitsgeschichte gar nicht als Geschichte von Gruppen erzählen sollten, sondern eher als eine Geschichte von verschiedenen Interaktionen und Machtnetzwerken, welche weite Teile der Welt mit ihren verschiedenen Gruppen miteinander verbunden haben.

Grenzen sind nie dauerhaft

Kulturell fand dadurch nicht nur ein Austausch, sondern eine andauernde Verbindung, Hybridisierung und Kreolisierung von Herkunftskulturen statt. Diese immer wieder neue Vermischung und gegenseitige Durchdringung von menschlichen Kollektiven auf dem Erdball hält bis heute an.


Kulturen sind dynamisch

Ein wesentliches Merkmal neuer Kulturkonzepte ist die Vorstellung, dass Kulturen sich in ständigem Wandel befinden und weder zeitlich noch räumlich statisch sind.

If culture is not an object to be described, neither is it a unified corpus of symbols and meanings that can be definitively interpreted. Culture is contested, temporal, and emergent. Representation and explanation – both by insiders and outsiders – is implicated in this emergence.1.

kulturen sind dynamisch

Kulturen sind nie fertig und in dem Sinne (zeitlich) nicht als statisch zu verstehen, sondern als Prozesse. Im englischen spricht man von fuzzy systems, das sind Systeme in permanenter Wandlung.

Kultur ist ein Konstrukt, welches die Kulturgruppen ständig neu schöpfen, gestalten, verändern. Kultur ist in dem Sinne zu vergleichen mit einer Open-Source-Software, die ständig von unzähligen Usern mit- und weiterprogrammiert wird, deren Quellcode sich ständig ändert und damit auch ihre konkrete Erscheinungsform. In der Programmiersprache nennt man die Aktualisierungen Update, in den Kulturgruppen spricht man eher von einer neuen Mode.

Stellen wir uns als Beispiel die christliche Kultur vor. Diese ist höchst lebendig und alles andere als statisch. Die christlichen Werte, Vorstellungen und Praktiken haben sich von den urchristlichen Gemeinschaften, über das europäische Mittelalter bis heute enorm gewandelt. Heute ist Inquisition kein Thema mehr und der Papst Franziskus ruft dazu auf Homosexuelle anzuerkennen.

Oder nehmen wir die Jugendkultur, die sich sowohl sprachlich, als auch was Inhalte, Diskurse und Werte angeht ständig verändert. Auf Deutschland bezogen wird das seit Jahrzehnten sogar wissenschaftlich untersucht und zwar in der Shell-Jugendstudie.

Jugendkultur im Wandel


Kulturen ohne Grenzen

Auch räumlich werden Kulturen in neueren Kulturkonzeptionen nicht mehr statisch, sondern dynamisch gedacht. Kulturen verlieren ihre Eindeutigkeit zugunsten einer prozesshaften Vorstellung von sich ständig wandelnden Grenzen. Genaugenommen ist es bei Kulturen als kollektiv geistige Konstruktionen generell schwer von Grenzen zu sprechen.

Kulturen sprengen Grenzen

Kulturelle Grenzen sind in unseren Köpfen schnell mit geografischen Grenzen vermischt. Es besteht die Gefahr, gerade in Bezug auf Herkunftskulturen, anzunehmen, dass sich z.B. die französische Kultur auf das französische Staatsgebiet beschränkt. Aber sind dann Franzosen, die in Deutschland leben noch Teil der französischen Kultur? Was ist mit den ehemaligen Kolonien, in denen Französisch gesprochen wird? Sind die jetzt abgeschnitten und unabhängig von der französischen Kultur?

Daniel Cohn-Bendit, Bild: Marie-Lan Nguyen.
Daniel Cohn-Bendit, ein deutscher Politiker und Publizist, geboren in Frankreich und auch dort politisch aktiv und gesellschaftlich sogar bekannter als in Deutschland. Bild: Marie-Lan Nguyen.

Kultur ist als Orientierungssystem auf der Basis von Kommunikationsprozessen unbedingt von geografischen Grenzen zu lösen, insoweit die Kommunikationsprozesse selbst die Grenzen überwinden.

Heute, im Zeitalter von Mobiltelefonie und Internets können Franzosen die im Ausland leben aktiv an der französischen Nationalkultur partizipieren. Sie können sich über französische Medien oder persönliche Kontakte über aktuelle Diskurse erkundigen und sogar aktiv an politischen Entscheidungen (Briefwahl) und der Meinungsbildung innerhalb der Nationalgesellschaft (z.B. über Blogs) teilnehmen.

Um die Schwierigkeiten von kulturellen Grenzziehungen noch deutlicher zu skizzieren, kann man sich darüber hinaus fragen, ob denn nur in Frankreich geborene Franzosen tatsächlich an der französischen Kultur im In-und Ausland teilnehmen können. Nehmen wir an, ich als Deutscher lerne im Laufe meines Lebens Französisch, verliebe mich in eine Französin und lebe mit ihr in Deutschland. Ich schaue mit ihr französische Nachrichten, diskutiere mit unseren französischen Freunden über die aktuellen Diskurse. Bin ich damit nicht längst auch aktiver Teil der französischen Nationalkultur?


Die Gefährliche Illusion der Reinheit

Auch wenn eine Reinheit und inhaltliche Einheitlichkeit von Kulturen für uns verlockend klingt, so müssen wir diese (falsche!) Vorstellung heute unbedingt verwerfen. Diese Vorstellung war und ist die Basis von Rassismus. Menschengruppen werden als „kulturell anders“ bzw. „unterschiedlich“ deklariert, um ihnen bestimmte Rechte (zum Beispiel auf Leben in einem Land) abzusprechen. Der Nationalsozialismus in Deutschland war nur eines von unzähligen Beispielen, in denen versucht wurde eine konstruierte „ethnische Reinheit“, die so nie existiert hat herzustellen. Ironischer Weise musste selbst das rigide Rechtssystem der Nationalsozialisten feststellen, dass es keine Eindeutigen Kriterien der ingroup und outgroup gibt. So mussten schließlich Sonderkategorien erstellt werden vom Juden ersten Grades bis zum Vierteljuden, um der Uneindeutigkeit Herr zu werden.

Das Ausmaß und leider auch die Aktualität kulturellen Reinheitswahns wird von Genocide Watch dokumentiert. Dort finden sie die Liste der Genozide seit 1945. Sie ist verdammt lang und verzeichnet Millionen von Opfern die seit dem Holocaust verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Welches „Reiheitskriterium“ jeweils angewendet wurde,  ist der Liste zu entnehmen. Aber ob die Genozide nun aus ethnischen, religiösen, oder politischen Gründen erfolgten, die Basis ist immer die Vorstellung, dass die existierende Vielfalt etwas unnormales oder gefährliches ist, die „bereinigt“ werden muss.

Knochen des armenischen Völkermords


Alle Kulturen sind Mischkulturen

Kulturen durchdringen sich, sind miteinander vernetzt, verwoben, hybrid, uneindeutig. Kulturen, auch Herkunftskulturen, sind räumlich nie klar voneinander abgrenzbar. Kulturen sind miteinander verbunden, verflochten, voneinander durchdrungen und miteinander verschmolzen. Diese gegenseitige Durchdringung und Vermischung wird auch mit dem Begriff „Transkulturalität“ beschrieben, wobei die Silbe trans- mit hinüber oder hindurch übersetzt werden kann.

Kulturen durchdringen sich, sind miteinander vernetzt, verwoben, hybrid, uneindeutig
Kulturen durchdringen sich, sind miteinander vernetzt, verwoben, hybrid, uneindeutig

Unsere Kulturen haben de facto längst nicht mehr die Form der Homogenität und Separiertheit, sondern sind bis in ihren Kern hinein durch Mischung und Durchdringung gekennzeichnet.

Diese neue Form der Kulturen bezeichne ich, da sie über den traditionellen Kulturbegriff hinaus- und durch die traditionellen Kulturgrenzen wie selbstverständlich hindurchgeht, als transkulturell. Das Konzept der Transkulturalität sucht diese veränderte kulturelle Verfassung ins Licht zu rücken.2


Transkultur à la Germany
deutsche und französische Aufschrift auf einem Haus im Elsass
deutsche und französische Aufschrift auf einem Haus im Elsass

Räumlich und auf Nationalkulturen bezogen können wir in Bezug auf Deutschland und seine Nachbarländer diese kulturelle Durchdringung allein schon in den Grenzregionen sehen und erleben. Im Elsass zum Beispiel, wo die französische und die deutsche Kultur ineinander flossen. Hier kann man nicht von Deutsch oder Französisch sprechen sondern muss von sowohl Deutsch als auch Französisch ausgehen und dann auch wieder einem ganz eigenen Almagam daraus, eben Elsässisch. Ähnlich verhält es sich in Schlesien, Böhmen oder Schleswig-Holstein.

Auch wenn es in den Grenzregionen besonders deutlich wird, die ganze Deutsche Kultur ist eine Mischkultur! Das Gebiet des heutigen Deutschlands liegt mitten in Europa. Es ist immer durchzogen worden von Wanderungen, Kriegen, Eroberungen, Flüchtlingen, fahrenden Gesellen, Handelsreisenden usw. Hier sind Stämme, Völker, Nationen immer wieder zusammengeflossen, haben Wissen, Kenntnisse, Werte, Menschen und Wörter ausgetauscht, zusammengewürfelt, auseinander hervorgebracht.

Das die deutsche Kultur eine Mischkultur ist, hat im 19. Jahrhundert selbst Goethe bemerkt: Keine Nation, am wenigsten vielleicht die deutsche, hat sich aus sich selbst gebildet. Bedenkt man, dass so wenige Nationen überhaupt […] Anspruch an absolute Originalität zu machen haben; so braucht der Deutsche sich nicht zu schämen, der seine Bildung von Außen erhalten hat. Ist doch das fremde Gut unser Eigentum geworden. […] Der Deutsche hat keine Nationalbildung, er hat Weltbildung.3

Alle Kulturen sind uneindeutig und ohne klare Grenzen

Aber nicht nur auf Nationalkulturen bezogen durchdringen sich Kulturen gegenseitig. Auch z.B. Geschlechterkulturen sind nicht klar voneinander abgrenzbar. Weibliche Werte und Kulturmuster finden sich in der männlichen Kultur und anders herum. Dem Entweder-Oder-Denken kann man auch hier getrost mit einem Sowohl-Als-Auch antworten, denn auch die Grenzen der beiden Geschlechterkulturen sind fließend und lassen Raum für mehr als zwei Geschlechtsidentitäten.

transkulturelle Lebensrealitäten


weitere Kategorien zum neuen Kulturbegriff

>inhaltliche Differenz      >radikale Individualität        >Multikollektivität


  1. Clifford, James (1986): Introduction: Partial Truths, in: ders. & George E. Marcus (Hrsg.), Writing Culture: The Poetics and Politics of Ethnography, Berkeley, S. 1-26
  2. Welsch, Wolfgang (1997): Die veränderte Verfassung heutiger Kulturen, S.4
  3. Johann Wolfgang von Goethe, zitiert nach: Schulze, Hagen (1989): Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte? Berlin, S. 67-68