Neuer Kulturbegriff III

Extrakt: Eine wesentliche Veränderung neuerer Kulturkonzepte ist die Vorstellung, dass Kulturen in sich sehr heterogen und widersprüchlich sind. Kulturen bieten ihren Mitgliedern eher Diskurse als konkrete Handlungsanweisungen. Die Individuen interpretieren die Kulturangebote sehr unterschiedlich und werden daher durch eine Kultur nicht genormt sondern lediglich in vielfältiger Weise beeinflusst.

In den letzten Jahrzehnten hat es eine fundamentale Umdeutung des Kulturbegriffs gegeben. Die Veränderungsanregungen kommen aus verschiedenen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Quellen und reagieren auf wesentliche Veränderungen der Welt im 21.Jahrhundert.

Angesichts der Stückhaftigkeit unserer Welt scheint die Auffassung von Kultur – einer bestimmten Kultur, dieser Kultur – als Konsens über grundlegende gemeinsame Vorstellungen, gemeinsame Gefühle und gemeinsame Werte kaum noch haltbar. 1


Alter Kulturbegriff   Idee der Inhaltsgleichheit

 

Kennste Einen, kennste Alle …inhaltsgleichheit: kulturelle programmierung

Nach einer weit geteilten Vorstellung sind Kulturen in sich einheitlich und widerspruchsfrei. Die Deutschen sind umweltbewusst, die Mädchen nicht so wild wie die Jungen und Muslime streng religiös. Woher auch immer unsere Bilder (Stereotype) kommen, sie suggerieren uns eine Einheitlichkeit der Gewohnheiten von Kollektiven.

Geert Hofstede hat in Bezug auf kulturelle Prägung von einer “kollektiven Programmierung des Geistes” gesprochen. Nach dieser Vorstellung ist es nur zu natürlich auch daran zu glauben, dass eine gleiche Programmierung auch gleiche Meinungen und Verhaltensweisen produziert.

Idee der Widerspruchsfreiheit

Besonders fremd erscheinende Kulturen werden von uns als sehr homogen und in sich Widerspruchsfrei vorgestellt.  Innerhalb einer Kultur variieren die Merkmale unter den Einzelnen danach kaum. Interessant dabei ist, dass wir unsere eigenen Kollektive und Kulturgruppen sehr differenziert wahrnehmen. Hier wehren wir uns gegen Verallgemeinerungen und gestehen den Mitgliedern unserer Eigengruppe eine große Bandbreite an Eigenschaften zu. In einem Handbuch für interkulturelle Kommunikation wurde das ganze sehr eindrücklich dargestellt: 2

kulturelle variationsbreite

Der Effekt der verengten Variationsbreite, die den “Anderen” zugestanden wird, wird hier Obelix-Verzerrung genannt. Sie können sich sicherlich vorstellen warum …


 

Neuer Kulturbegriff   Idee der inhaltlichen Differenz

 

Kultur als dynamischer Diskurs statt Einheitsbrei

Neuere Wahrnehmung von Kultur nehmen Gemeinschaften nicht mehr als grundsätzlich gleich, sondern als sehr verschiedenartig war. Gemeinsam geteilte und bekannte  Werte, Normen und Codes bedeuten noch lange keine Vereinheitlichung. Im  Gegenteil. Unterschiede und Widersprüche innerhalb von kulturellen Gemeinschaften sind nicht nur Normalität, sondern auch wichtig für eine lebendige Kultur. Wir können uns also eine Kultur als ein sich ständig veränderndes Getümmel von Meinungen und Werten vorstellen.

inhaltliche DifferenzKultur wird beschrieben „als ein dynamisches Diskursfeld – als ein Feld des Kampfes um Deutungsmuster, Artikulationsformen, Werte und Normen, die ständig neu ausgehandelt werden müssen […]. Das einzelne Subjekt nimmt an dem Aushandlungsprozeß seiner Kultur teil und befindet sich schon innerhalb dieses Rahmens in vielfältiger Weise zwischen verschiedenen kulturellen Orientierungen. 3

Kultur ist ein sich wandelndes, auf Austausch angelegtes, kohärentes, aber nicht widerspruchfreies und insofern offenes Regel-, Hypothesen-, Bedeutungs- und Geltungssystem, das Gemeinschaft stiftet, sichtbare und unsichtbare Phänomene einschließt und zu dem man in einem spannungsreichen Zugehörigkeitsverhältnis stehen darf. 4

Individuen gestalten die Kultur

Das Kultur die Individuen prägt ist bekannt. Dass die Individuen die Kultur prägen weniger.  Die Einzelnen (in all ihrer Vielfalt)  gestalten die Gemeinschaftskultur  mit. Kultur ist damit kein abgeschlossenes einheitliches “Programm”, sondern eher so etwas wie eine “open-source-software” an der ständig weiter herumprogrammiert wird.  Die Mitglieder einer Kultur verlieren durch eine kulturelle Bindung nicht ihre Vielfältigkeit. Die Kultur ist ein lebendiger Prozess einer vielseitigen, uneinheitlichen Kommunikation.

Deutsche und indische Vielfalt

Schauen wir in unsere eigene Kultur, etwa nach Deutschland, so ist uns die innere Vielfalt sicherlich klar. Wir wissen wie verschiedenartig die Menschen in diesem Land zu Werten wie dem Umweltschutz stehen. Wir kennen die Debatten um Dosenpfand, grüner Punkt und erneuerbare Energien. Wir kennen unseren Nachbarn und wissen, dass er zu den gleichen Themen vielleicht eine komplett andere Meinung hat. Doch kaum sind uns die internen Auseinandersetzungen, z.B.  der Inder, unbekannt, neigen wir wieder zu Verallgemeinerungen. Könnte es sich mit der besagten Spiritualität  der Inder denn aber nicht genauso verhalten wie mit dem Umweltbewusstsein der Deutschen? Bei über 1,2 Milliarden Indern aus den verschiedensten Landesteilen, Religionen, Altersstufen und Lebensrealitäten sind solche Differenzen durchaus anzunehmen …

Mir persönlich hat das Wissen um die grundsätzlichen Differenzen innerhalb von kulturellen Gemeinschaften in der Begegnungspraxis sehr geholfen. Statt darauf aus zu sein, zu ergründen, wie die Inder denn alle so sind, frage ich nun nach den Diskursen. Statt nach einer einheitlichen Meinung, frage ich nach Streitpunkten. Aktuelle Diskurse zeigen mir die Bandbreite einer Gemeinschaft auf. Sie sagen mir damit viel über die lebendige Kultur und damit auch über die individuellen Herausforderungen, sich darin zu verorten.

Kultur als Selbstbedienung

Neuere Darstellungen von Kultur weisen auch darauf hin, dass Kultur ein heterogener Ressourcenpool ist, aus dem die Kollektivmitglieder sich Sinnzusammenhänge ableiten können. Dabei können aus der gleichen Kultur auch widersprüchliche Orientierungen geschöpft werden. Ich stelle mir das vor wie ein Regal im Supermarkt, wo ich mir, bei all der bunten Auswahl, nur das heraus nehme, was für mich passt. Auch aus den Angeboten meiner Kulturgruppen wähle ich aus. Ich eigne mir nur das an, was ich vertreten kann und lasse tatsächlich auch immer Dinge weg, die ich nicht mag. Dazu ein Beispiel:

Kultur als RessourcenpoolChristliche und muslimische Interpretationen

Sicherlich ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Christen die christliche Kultur sehr individuell für sich ableiten und gestalten. Da gibt es welche die gehen oft, einige selten, andere nie in die Kirche. Für manche zählt die Nächstenliebe als oberster Wert, andere interpretieren die Bibel als Aufruf des Volkes Gottes zur Mission und auch zur Gewalt. Einige Katholiken sind Ministranten und lassen sich kirchlich taufen, fasten aber nie und wissen auch nicht genau, warum Pfingsten eigentlich gefeiert wird. Einige sind Protestanten, andere Griechisch-Orthodoxe oder Baptisten, oder, oder … Wir sehen, die christliche Kultur wird sehr sehr unterschiedlich gelebt und interpretiert. Einen Menschen über seine Zugehörigkeit zum Christentum zu beurteilen grenzt an Wahnsinn.

Dennoch werden z.B. Muslime in Europa immer wieder über die Gesamtgruppe der Muslime beurteilt. Ihnen wird nicht, oder nur eingeschränkt, eine eigene Auswahl, bzw. Interpretation des Glaubens zugestanden.  Es gibt  Verwunderung, wenn Muslime z.B. Alkohol trinken oder sich gegen das Kopftuch aussprechen. Als ob alle Katholiken Freitags kein Fleisch essen und nie Sex vor der Ehe haben…


weitere Kategorien zum neuen Kulturbegriff

>radikale Individualität        >Multikollektivität          >Durchdringung


  1. Clifford Geertz (1996): Welt in Stücken: Kultur und Politik am Ende des 20. Jahrhunderts,Wien, S.72
  2. Darstellung aus aus: Dagmar Kumbier/ Friedemann Schulz v. Thun (Hrsg.); Interkulturelle Kommunikation. Modelle, Methoden, Beispiele, Hamburg 2008, S. 34
  3. Gemende, M., Schröer, W., Sting, S. (Hrsg.) (1999): Zwischen den Kulturen, Weinheim, S.13
  4. Wierlacher, Alois (2003): Kulturthema Fremdheit. Leitbegriffe und Problemfelder kulturwissenschaftlicher Fremdheitsforschung, Bayreuth. S. 292