Neuer Kulturbegriff IV

Das Verhalten von Menschen ist nach neueren Kulturkonzeptionen kaum mehr über ihre Zugehörigkeit zu einem Kulturkollektiv ableitbar. Stattdessen wird die menschliche Merkmals-, Verhaltens- und Identitätsbildung als hochkomplex und radikal individuell angenommen.


Alter Kulturbegriff   Merkmalsübereinstimmung

Die Annahme der Merkmalsübereinstimmung geht davon aus, dass die kulturellen Prämisse der MerkmalsübereinstimmungEigenschaften des Kollektivs mit den Gewohnheiten oder Merkmalen des einzelnen Kollektivmitglieds übereinstimmen. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass die Kenntnis von Kulturstandards Rückschlüsse auf das Verhalten der Angehörigen dieser Kultur zulässt.

Die Frage nach den Eigenheiten von Kollektiven – nach dem Bewusstsein, dem Charakter, der Identität, der Mentalität von Großgruppen wie Völkern, Nationen oder ethnischen Gemeinschaften – ist so alt wie die Zivilisationsgeschichte.1

Es gehört vielleicht zur menschlichen Natur, beim Kontakt mit Fremden unwillkürlich Vergleiche anzustellen, um den Menschen oder die Gruppe zu beurteilen und in eine „Schublade zu stecken“. Und genau diesem Bedürfnis sind auch viele Kulturbegegnungsmodelle, besonders aber die Interkulturalität nachgekommen.

Nationalitäten Zuordnungen von Sitten und Verhalten

Programmierte Eigenschaftenwenn Frauen gleichmäßig wie Uhren ticken ...

Die Idee ist natürlich verlockend, gerade wenn ich mich auf eine Begegnung mit mir fremden Personen vorbereiten möchte. Wenn ich zum Beispiel das erste Mal nach Indien gehe, so suche ich dort nach schneller Orientierung, nach Kontrolle, nach dem richtigen Verhalten.

Da kommen dann Bücher und Seminare ganz gelegen, die mir versprechen, Indien sei wie ein Automat und sobald ich gelernt habe wie er funktioniert, könne ich ihn bedienen, bzw. seine Menschen verstehen.

Die Bücher und Seminare tragen dementsprechend Titel, welche Kulturgruppen mit Maschinen gleichsetzen, wie z.B.: „Gebrauchsanweisung Indien“, oder  „so ticken die Chinesen“, oder etwa „so funktionieren die Spanier“ … mehr dazu


Kulturalisierungen als Verkaufsschlager

Wieder ist da die Idee der kollektiven Programmierung, der einen und wesentlichen herkunftsbezogenen Kulturprägung. Es ist vielleicht die verlockende Einfachheit, die diese Prämisse so erfolgreich gemacht hat. Hunderte von Seminaren in Wirtschaft und Vereinen nutzen das Konzept der klaren Does & Don’ts, nutzen kulturelle Zuschreibungen und nationale Schubkästen, um ihre Kunden und Klienten auf einen Auslandsaufenthalt vorzubereiten. Für eine andere, komplexere Auseinandersetzung ist oft auch keine Zeit. So belassen es diese Angebote dabei ihren Kunden eine unflexible Scheinsicherheit zu verkaufen. Aber solche Kulturdarstellungen oft sind viel zu konkret für die Wirklichkeit … mehr dazu


Umstrittene Modelleumstritten aber verkaufstüchtig ... das Lewis Modell

Kulturdimensionen und Zuschreibungen von bestimmten Kulturstandards sind bis heute wissenschaftlich höchst umstritten und kaum empirisch belegt.

Bei den „interkulturellen“ Seminaren und Ratgebern mischen sich oft Klischees, Stereotype mit wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Erklärungsmustern … mehr dazu

 


Kultur als Ersatz für Rasse

Rechte Gruppen haben diese Form der Kulturbetrachtung in ihren Konzepten aufgegriffen. Um zu erklären, warum Menschen verschiedener Herkunft nicht zusammen leben können oder dürfen, warum einige besser und andere schlechter sind, brauchen sie heute den verpönten Rassenbegriff nicht mehr bemühen. Heute benutzen diese Gruppen den Kulturbegriff und nutzen die Vorstellung fester, klarer Erklärungsmuster für Herkunftskulturen, um Menschen mit Migrationshintergrund auszuschließen und systematisch zu diskriminieren.

Sobald Kultur als unveränderliche wesenhafte Eigenschaft von Menschen und im Zusammenhang größerer sozialer Einheiten, etwa als Nationalkultur und dadurch eher statisch gedacht wird, liegt der Rede und dem Gebrauch von „Kultur“ ein Verständnis zugrunde, das Äquivalent zu Rassekonstruktionen ist.2


Kultur als OrakelMädchen und die Prämisse der Merkmalsgleichkeit

Aber nicht nur in Bezug auf Herkunftskulturen gibt es die Idee der Merkmalsübereinstimmung. Menschen werden auch über viele andere Kulturgruppen in Schubladen gesteckt. Ob nun aufgrund des Geschlechts, Berufs, der sexuellen Orientierung oder der Parteiangehörigkeit, auch hier verlockt es, den Einzelnen über sein Kollektiv zu definieren und sein Verhalten durch grobe Verallgemeinerungen vorauszubestimmen.

Auch wenn wir die kleine Tochter einer Freundin noch nie gesehen haben, gehen wir beim Kauf eines Geburtstagsgeschenks für sie vielleicht davon aus, dass sie eher rosa als blau und eher Puppen als Dinos mag. Hier wird ihre Geschlechterkultur als ausschlaggebend für ihre individuellen Vorlieben angenommen.


Neuer Kulturbegriff   Radikale Individualität

 

Plurale Gesellschaften – einzigartige Individuen

Wir leben heute in posttraditionalen Gemeinschaften die kaum mehr zu vergleichen sind mit den Kollektiven der letzten Jahrhunderte.   Eigentümliche Lebensformen einzelner Regionen mit langlebigen einzigartigen Traditionen sind heute kaum noch auszumachen. Verlässliche Traditionen und Gemeinschaften, Moden, Werte, Orientierungen, Wissensbestände und Handlungsmuster wandeln und verändern sich immer schneller.3

In unseren Gesellschaften beobachten wir dagegen eine enorme Ausdifferenzierung von individualisierten, flexibilisierten und  im schnellen Wandel befindlichen Lebensstilen und eine Zunahme der Vielfalt von kulturellen Kollektiven.4

Waren früher Karneval, Maisprung und Kirmes breit geteilte und damit prägende  Traditionen, die bezeichnend für die Bevölkerung des Thüringer Eichsfelds waren, so sind diese Rituale dort, für die jungen Menschen von heute, nur ein kulturelles Angebot von vielen. So können sie gleichzeitig zu ihrer lokalen Kultur die Rituale und Angebote der Heavy-Metal-Kultur, der Gamer-Kultur und anderer Kulturen leben. So können sie auf der dörflichen Kirmes ihrer ehemaligen amerikanischen Gastfamilie per Smartphone zum Thanksgiving gratulieren, eine Fahrt zum jährlichen Heavy-Metal-Festival in “Wacken” planen und sich danach mit anderen Freunden über online-Spiele austauschen. War am Anfang früher jeder PC-Desktop gleich, so gibt es heute eine Vielzahl an Möglichkeiten diesen zu personalisieren. Mit Kultur ist es ähnlich. Auch wenn es schon immer individuelle Persönlichkeiten gegeben hat, so treiben Technik und Globalisierung die Pluralisierung und persönliche  Wahlmöglichkeit von Lebensentwürfen enorm voran. Das verändert natürlich auch unsere Identität und verwischt die Eindeutigkeit von Schubladen. Können wir heute denn überhaupt noch über ein ganz bestimmtes Kollektiv eingeordnet, unser Verhalten einer besonderen Kulturprägung zugeordnet werden?

Unser Verhalten – eine sehr komplexe Angelegenheit

Welche Merkmale ein Mensch aufweist und wie er sich verhält ist nicht nur von einer einzigen kulturellen Prägung abhängig. Natürlich spielen herkunftsbedingte Prägungen eine Rolle und sicherlich ist auch von einer Geschlechterspezifischen Prägung auszugehen. Aber das Verhalten und die Merkmale eines Menschen sind nun einmal komplexer, als das manche wahrhaben wollen. So sind neben kollektiven Prägungen auch genetische Anlagen und persönliche Erfahrungen, vor allem aber auch die jeweilige Situation ausschlaggebend für unser konkretes Verhalten. Neuere Konzepte der Begegnung lehnen daher die Beschreibung und Erklärung von Merkmalen eines Individuums über ein einziges kulturelles Kollektiv ab:

Bei der Identitätsbildung stellt das Individuum ein Gleichgewicht zwischen seiner auf der Grundlage individuell gemachter Erfahrungen und Deutungen erlangten persönlichen Identität und seiner ihm durch Rollenerwartungen abverlangten sozialen Identität her. Die Kultur bzw. die Kulturen haben daher für das Individuum eine Orientierungsfunktion bei der Identitätsbildung, indem sie kulturelle Ressourcen als Identifikationsangebote bereitstellen – und im Sinne transkultureller Identitätsbildung können mehrere Kulturen in eine einzelne Identität eingehen.5


Radikale Individualität

Aus der Diagnose von Differenz (innerhalb der Kollektive) und Multikollektivität folgt radikale Individualität.6

Radikal (v. lat.: radix “Wurzel”, “Ursprung”) ist die Individualität, da das Individuum nicht, wie früher üblich, von seinem Kollektiv aus gedacht wird, sondern grundlegend von seiner Einzigartigkeit aus. Wenn wir über Merkmale und Verhalten eines Menschen sprechen, müssen wir also immer erst von seiner Individualität, seiner individuellen Mischung und Interpretation kultureller Orientierungsangebote ausgehen, bevor wir kollektive Prägungen annehmen.

Wenn Individuen gleichzeitig Teil zahlreicher Kollektive sind und diese wiederum nach innen und außen jeweils divergente kulturelle Gewohnheiten hervorbringen, muss es innerhalb der Individuen im Wechselspiel mit ihren wiederum individuellen biologischen und biografischen Voraussetzungen zu einer individuellen, ja einer radikal individuellen Verarbeitung des kulturellen Angebots kommen. So kann man zwar aus den Kollektivzugehörigkeiten des Einzelnen schließen, mit welchen kulturellen Gewohnheiten er vertraut, welche Verhaltensweisen oder Denkkonzepte ihm bekannt sein könnten, was der Einzelne jedoch daraus macht, welche Vorstellungen, Meinungen und Praktiken er für sich selbst ableitet, bleibt vollständig offen.7

Eine kulturelle Begegnung in unserem Kopf

Das Modell zeigt eine schematische Darstellung unserer Identitätsbildung. Die Farben zeigen, dass das Individuum mit mehr als einem kulturellen Orientierungssystem in Verbindung steht. Jeder Mensch schöpft aus mehreren kulturellen Angeboten und leitet sich daraus Handlungsorientierungen und Verhaltensformen ab. Dabei ist wichtig, dass die Kulturen (K), die den Einzelnen prägen, nicht eins zu eins übernommen werden, sondern das immer eine individuelle Auswahl erfolgt (siehe inhaltliche Differenz). Die individuelle Auswahl ist hier durch Pfeile dargestellt, die auch deutlich machen, dass der Mensch nicht nur von seinen Kulturen geprägt wird, sondern dass er diese auch selbst mitgestaltet. Man spricht hier von partizipartiver Identität.

radikale Individulität Modell

Während im linken Teil des Modells die kulturellen Ressourcen des Individuums dargestellt sind, zeigt die Mitte den Prozess der situativen Auswahl von Orientierungsmustern. Für jede Situation muss das Individuum aus Erfahrungen und der kulturellen Ressourcenauswahl noch einmal eine Auswahl treffen, welches oder welche Orientierungsmuster gerade relevant, bzw. welches Verhalten in diesem Fall angemessen ist.

Welche Kultur relevant ist, entscheidet die Situation

Das Individuum kann sich damit von Fall zu Fall, von Gruppe zu Gruppe, sehr unterschiedlich verhalten. So kann der zärtliche und organisierte Familienvater am Abend in der Männerrunde sexistisch, dominant und unangepasst laut auftreten; oder ein einflussreicher, hochverehrter Studiendekan im ehelichen Zuhause ein devoter und machtloser Ehemann sein.

Kampf der Kulturen – in unserem Kopf!

Interessant sind in diesem Zusammenhang Situationen, in denen die kulturellen Orientierungssysteme  eines Menschen unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Handlungsanweisungen und Verhaltensnormen vorgeben.

So kann es bei einem katholischen Jugendtag vorkommen, dass sich zwei Kulturen in den Köpfen der jungen Christen einen interkulturellen Scradikale individulitäthlagabtausch liefern. Da ist zum einen der christlich-katholische Glaube, der fleischliche Lust eher negativ bewertet und zu dem auch das Verbot von Sex außerhalb der Ehe gehören kann und auf der anderen Seite ist da die moderne Jugendkultur, die sexuelle Kontakte als interessant, wichtig und angesehen bewertet. So gab es 2005 auf dem Weltjugendtag in Köln, auf dem 800.000 junge Pilger aus aller Welt zusammentrafen,  die Debatte, ob die Polizei und die AIDS-Hilfe kostenlose Kondome verteilen dürfen, oder nicht. Für die Polizei und die AIDS-Hilfe waren die Jugendlichen eine wichtige Zielgruppe. Nach Protesten von Vertretern der katholischen Kirche verzichtet die Gewerkschaft der Polizei (GdP) auf die Verteilung von kostenlosen Werbe-Kondomen, während die AIDS-Hilfe Köln sich davon nicht beeindrucken ließ.

Ein weiteres Beispiel für internen Kulturmanagement kann die Wahl der geeigneten Begrüßung sein. Mehr dazu hier


weitere Kategorien zum neuen Kulturbegriff

>Multikollektivität     >Durchdringung      >inhaltliche Differenz


  1. Heinz-Günther Vester: Kollektive Identitäten und Mentalitäten. IKO, Frankfurt 1996
  2. Kalpaka, Annita; Mecheril, Paul (2010), Interkulturell. Von spezifisch kulturalistischen Ansätzen zu allgemein reflexiven Perspektiven, in: Paul Mecheril et al. (Hrsg): Migrationspädagogik, Weinheim, S. 87
  3. Rosa, Hartmut 2002: Zwischen Selbstthematisierungszwang und Artikulationsnot? Situative Identität als Fluchtpunkt von Individualisierung und Beschleunigung. In: Jürgen Straub / Joachim Renn (Hrsg.): Transitorische Identität. Der Prozesscharakter des modernen Selbst
  4. Eine gute Übersicht über moderne Gemeinschaftskonzeptionen und ihre Rolle bietet die Studie: Rosa, Hartmut: Theorien der Gemeinschaft zur Einführung, Hamburg 2010, S. 60ff.
  5. Gutmann, Amy (1995): Das Problem des Multikulturalismus in der politischen Ethik, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 43/2, S. 273-305, hier S.284
  6. Rathje, Stefanie (2009): Der Kulturbegriff – Ein anwendungsorientierter Vorschlag zur Generalüberholung, in: Moosmüller, Alois (Hrsg.): Konzepte kultureller Differenz – Münchener Beiträge zur interkulturellen Kommunikation, München, S.12
  7. Rathje, Stefanie (2009): Der Kulturbegriff – Ein anwendungsorientierter Vorschlag zur Generalüberholung, in: Moosmüller, Alois (Hrsg.): Konzepte kultureller Differenz – Münchener Beiträge zur interkulturellen Kommunikation, München, S.12ff.