Kulturkonzepte

Neue Kulturkonzepte haben die Bühne betreten. An der Universität haben sie längst Platz gefunden, in der Bildungsarbeit und Öffentlichkeit werden sie aber oft noch skeptisch betrachtet. Den meisten sind Transkulturalität & Co sogar gänzlich unbekannt. Es lohnt sich aber, sich mit ihnen zu beschäftigen!

Konzept der InterkulturalitätKonzept der MultikulturalitätKonzept der TranskulturalitätKonzept der HyperkulturalitätKonzept der TransdifferenzKonzept der DiversityKonzept der Intersektionalität

Brauchen wir neue Begriffe & Konzepte?
Immer wieder begegnet mir bei meinen Trainings die Bitte, doch nicht ständig an Wörtern und Begriffen herumzudoktern. Sind denn Begriffe und damit verbundene Konzepte wirklich so wichtig? Müssen wir die mittlerweile erfolgreiche Interkulturalität wirklich durch ominöse transkulturelle oder hyperkulturelle Konzepte ersetzen?

Begriffe veralten – und das ist auch gut so!

Bezeichnen Sie als Mann mal ihre Frau öffentlich als „Weib“. Sie werden an den Reaktionen (zu recht!) merken, dass Begriffe auch Konzepte und Wertungen beinhalten, die gesellschaftlich nicht mehr geteilt werden. Ähnlich wird es Ethnologiestudent_innen gehen, wenn sie bei der Frage nach ihrem Studienfach „Rassenkunde“  angeben würden. Letzteren würde auch das Wort „Völkerkunde“ in der Uni Minuspunkte bringen. Hinter den Begriffen stehen nämlich immer auch Konzepte und die können nicht nur veralten sondern auch gefährliche Auswirkungen haben. Das Konzept der Rassenkunde z.B. hat schon zu viel Blutvergießen geführt. Auch harmlosere Begriffe und Konzepte, wie der Naturschutz,  haben sich den letzten Jahrzehnten erheblich gewandelt. Seit die Menschen verstanden haben, dass die Natur ihre Lebensumgebung ist, sprechen sie von Umweltschutz. Seit die Menschen verstanden haben, dass mit anhaltenden Umweltzerstörungen nicht die Erde sterben wird, sondern die Menschheit, spricht man neuerdings von Nachhaltigkeit. Viele Begriffsänderungen sind also keine reinen Schikanen oder bloße Werbegags, sondern die Folge eines veränderten Bewusstseins.

Begriffe und Konzepte bestimmen unser Handeln
Begriffe enthalten Konzepte und Konzepte bestimmen unser Handeln und unsere Wahrnehmung! So hat der Begriff der interkulturellen Bildung vor zwei Jahrzehnten den Begriff der „Ausländerpädagogik“ aus den 70er Jahren ersetzt. Der Fokus einer Verständigungspädagogik wurde damit von den Migranten hin zur Herkunftskultur von Individuen verlegt. Nicht nur die Neuankömmlinge sollten nun lernen, sondern alle, die an dieser „Begegnung“ beteiligt sind. Vielleicht ist es heute wieder Zeit, die Begriffe rings um Kultur neu zu verhandeln:

Kulturbegriffe sind – wie dies von allen Sachverständigungsbegriffen (beispielsweise Identität, Person, Mensch) gilt – nicht bloß Beschreibungsbegriffe, sondern operative Begriffe. Sie prägen ihren Gegenstand.

Sagt man uns, wie es der alte Kulturbegriff tat, daß Kultur einen Homogenitätsanspruch habe, so werden wir die gebotenen Zwänge und Ausschlüsse praktizieren. Wir suchen der gestellten Aufgabe Genüge zu tun – und werden dabei Erfolg haben. Geht man aber von der Vorstellung aus, daß Kultur auch das Fremde einbeziehen und transkulturellen Komponenten gerecht werden müsse, dann gehören entsprechende Integrationsleistungen zur realen Struktur unserer Kultur.

In diesem Sinne ist „Realität“ von Kultur immer auch eine Folge unserer Konzepte von Kultur.1

Veränderungen von Terminologie signalisiert Wandel

Nach Franz Hamburger ist die große Anzahl von Begrifflichkeiten in Bezug auf Kulturkonzepte ein Zeichen für einen Bewusstseins Wandel auf diesem Gebiet. Noch hat sich kein neuer Begriff eingebürgert. Aber das Paradigma der Interkulturalität steht längst nicht mehr allein.


Paradigmenwechsel

Nach Thomas Kuhn  werden Paradigmenwechsel oft durch eine Krise des herrschenden Paradigmas eingeleitet. Damit verbunden treten dann  eine Vielzahl konkurrierender neuer Konzepte auf.2 Ich habe versucht diesen Ablauf wissenschaftlicher Revolutionen einmal grafisch zu zeigen:

Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

Ich glaube, dass Kuhns Konzept wissenschaftlicher Revolutionen uns erklären kann, warum heute so viele Begriffe und Konzepte gleichzeitig durch die Fachszene geistern. Auch hier ein Versuch, die aktuelle begriffliche Vielfalt in das Kuhnsche Schema einzuordnen:

 Vielfalt der Konzepte

Demnach ist das aktuelle Paradigma (klassische Interkulturalität) bereits in eine Krise geraten. Anhaltende Kritik und ein neuer Kulturbegriff haben zur Entstehung von verschiedenen alternativen Begriffen und Konzepten geführt.


Kulturkonzepte konkret

Im Folgenden möchte ich einen Einblick in die verschiedenen Kulturkonzepte geben:

Konzept der InterkulturalitätKonzept der Multikulturalität

Konzept der TranskulturalitätKonzept der HyperkulturalitätKonzept der Transdifferenz

Konzept der DiversityKonzept der Intersektionalität


  1. Welsch, Wolfgang (1998): Transkulturalität. Zwischen Globalisierung und Partikularisierung, in: Mainzer Universitätsgespräche. Interkulturalität. Grundprobleme der Kulturbegegnung. Mainzer Universitätsgespräche 1998, Mainz, S.56
  2. Kuhn, Thomas S. (2001):  Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.