Das Konzept der Hyperkulturalität denkt postmodern das vernetzte Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen. Es entgrenzt  Kulturen und betont vor allem die Einzigartigkeit unseres Informationszeitalters mit nie dagewesenen radikal neuen Voraussetzungen für menschschliche Gruppen und ihre Identitäten.

Hyperkulturalität ist eine Beschreibung der heutigen Verfassung der globalen Kulturen. Byung-Chul Han hat den Begriff und das Konzept in seinem gleichnamigen Buch vorgestellt. Der Ansatz ist in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt und dennoch äußerst interessant und wichtig.

Hypertext als Vorbild

Ein Hypertext (deutsch Übertext) ist ein Text, der mit einer netzartigen Struktur von Objekten Informationen durch Querverweise (Hyperlinks) zwischen Hypertext-Knoten verknüpft. Hört sich kompliziert an, kennen wir aber alle aus dem Internet.

Hier sind Informationen und Seiten nicht linear (wie bei einem klassischen Buch) hintereinander aufgereiht, sondern netzwerkartig miteinander verbunden. Wie hier auf diesem Blog, kann der Leser über Links seine eigene Seiten- und Informationsreihenfolge bestimmen. Das Bild zeigt, wie so eine Nutzung des Hypertextes aussehen kann.

Hypertext
Von seiner Startseite aus, kann der Internetnutzer alle zur Verfügung stehenden Seiten des Internets aufrufen und sich von Seite zu Seite durch Links weiterbewegen. Was für einen enorme Vernetzungsgrad so ein Hypertext aufweisen kann, dass zeigt die nächste Darstellung.
structangle
Für uns ist weniger wichtig, worum es sich genau handelt. Die Darstellung gibt uns aber eine gute Vorstellung von einem komplexeren Hypertext, bei welchem eine enorme Menge von Informationsangeboten miteinander vernetzt und durch Knoten und Links miteinander verbunden ist. Das griechische Wort Hyphé bedeutet ursprünglich “Gewebe”. Es bezeichnet also traditionell ein organisches Netz, ein web, ein Geflecht ohne Zentrum.

Die Welt als Hyperext

Ted Nelson der Erfinder des Hypertexts sieht aber nicht nur digitale Informationen als Hypertext, sondern die gesamte Welt. Hypertextualität ist demnach die wahre Struktur der Dinge. Alles ist mit allem verknotet oder vernetzt. Unser Denken zum Beispiel arbeitet vernetzt. Das System unserer Nervenzellen ist ähnlich wie die Strukturen eines Hypertextes aufgebaut.

Unübersichtliche Ordnung

Beim Hypertext ist besonders, dass es zunächst kaum eine Struktur zu geben scheint. Nelson benutzt daher die Bezeichnung “structangle”.1 Tangle bedeutet Gewirr. Trotz ihrer Komplexität ist diese unübersichtliche Netzwerkstruktur nicht mit einem Chaos zu verwechseln. Sie ist ein struc-tangle, ein strukturiertes Gewirr.


Kultur als strukturiertes Gewirr

Auch die Kulturen von heute, so Byung-Chul, sind durch komplexe Verknotungen und Vernetzungen charakterisiert:

Die Kultur verliert zunehmend jene Struktur, die der eines konventionellen Textes oder Buches gleicht. […] Die Kultur platzt gleichsam aus allen Nähten, ja aus allen Begrenzungen oder Fugen. Sie wird ent-grenzt, ent-schränkt, ent-näht zu einer Hyper-Kultur. Nicht Grenzen, sondern Links und Vernetzungen organisieren den Hyperraum der Kultur.2

Ent-fernung

Durch Globalisierung und neue Technologien wird der kulturelle Raum ent-fernt. Skype, DHL, youtube und Lufthansa erzeugen selbst zwischen räumlich weit entfernte Weltgegenden eine neue Nähe. Emails und Telefonate verbinden uns in Echtzeit über alle Kontinente hinweg. Uns steht heute ein Fundus kultureller Lebenspraktiken  und Ausdrucksformen zur Verfügung.
Bienale in Shanghai

Die Globalisierung bedeutet nicht einfach, dass das Dort mit dem Hier vernetzt ist. Sie bringt vielmehr ein globales Hier hervor, indem sie das Dort ent-fernt und ent-ortet. Weder die Inter- noch die Multi- noch die Transkulturalität vermag dieses globale Hier zu markieren.3

Ent-Ortung

Mit Ent-Ortung beschreibt Byung-Chul den Prozess, in dem sich kulturelle Ausdrucksformen “aus ihrem ursprünglichen Ort lösen und sich in einem hyoperkulturellen Nebeneinander, in einer hyperkulturellen Gleichzeitigkeit drängen und sich anbieten, wo die Einmaligkeit des Hier und Jetzt der ortlosen Wiederholung weicht, verfällt die Aura.4

Ent-Ortung und Ent-Fernung bedingen einander. Orte werden ent-fernt. Ent-Ortung erzeugt Nähe. Kulturelle Ausdrucksformen werden aus ihrem jeweiligen Ort, aus ihrem geschichtlichen oder rituellen Zusammenhang heraus in ein Nebeneinander ent-fernt. Sie reihen sich in einer hyperkulturellen Abstandslosigkeit und Gleichzeitigkeit aneinander. In der Hyperkultur werden unterschiedliche Formen oder Stile aus unterschiedlichen Orten und Epochen in der Hyperpräsens ent-fernt.5
hyperkulturelle Gleichzeitigkeit von kulturellen Angeboten

Abstandsloses Nebeneinander von Kulturen

Wie beim Hypertext die Informationen und Seiten nicht mehr linear einer vorgegebenen Struktur folgend abgerufen werden, sondern faktisch ein nebeneinander stehendes und miteinander vernetztes Informationsangebot bilden, so zeichnet sich die moderne (Hyperkultur)  durch eine Überlagerung und Durchdringung von kulturellen Räumen aus.

Kulturen und ihre Orientierungsmuster sind heute nicht mehr auf einen geografischen Raum begrenzt, sondern stehen durch die Globalisierung grundsätzlich jedem Weltenbürger offen. Die ent-ortung erzeugt eine Nähe des Entfernten, ein nebeneinander unterschiedlicher Wissens-, Denk-, Lebens-, und Glaubensformen, kurz – ein abstandsloses Nebeneinander von Kulturen.

Nicht das Gefühl des Trans-, Inter-, oder Multi-, sondern das des Hyper gibt exakter die Räumlichkeit der heutigen Kultur wieder. Die Kulturen implodieren, d.h. sie werden ent-fernt zur Hyperkultur.6

Die neue Freiheit

Der Verlust der Aura und Einzigartigkeit Ortes ist sicherlich eine der großen Ängste angesichts der Globalisierung. Byung-Chul denkt dagegen weiter. Er fragt, ob ein hyperkulturelles Hiersein, de facto ein Überallsein, nicht auch eine neue Freiheit mit sich bringt. Natürlich gibt es Sushi dann nicht nur in Japan. Natürlich verliert Japan damit ein Alleinstellungsmerkmal. Aber ist es ein Gewinn oder ein Verlust, dass das “Hier und Jetzt” auch dort und später wiederholbar wird?7 Meine besten Falafel habe ich einmal in Indien gegessen. Israelis mögen beleidigt sein, für mich war es lecker und ich möchte die Erfahrung nicht missen. Im Angesicht der hyperkulturellen Realität müssen wir uns vielleicht von der Gewohnheit der Ortsgebundenheit von kulturellen Angeboten lösen und die damit mögliche Freiheit willkommen heißen.

Hyperkultur ist keine globale Monokultur

Die Hyperkultur ist keine überdimensionale Monokultur. Vielmehr stellt sie vermittels einer globalen Vernetzung und Defaktisierung einen Fundus von unterschiedlichen Lebensformen und  –praktiken zur Verfügung, der sich verändert, sich erweitert und sich erneuert, in der auch Lebensformen aus den vergangenen Zeiten, und zwar im hyperkulturellen Modus, d.h. ent-historisiert, eingehen.8

Byung-Chul wendet sich gegen die Angstvorstellung einer “MCDonald’s Kultur”. Auf der Welt, so führt er aus, gibt es wahrscheinlich mehr chinesische Restaurants als MCDonald’s-Filialen. In Paris werden wahrscheinlich mehr Sushis verzehrt, als Hamburger. Fusion Food ist dagegen ein besseres Beispiel zum Verständnis der globalen Hybridisierung.

Fusion Food

(Kultur-) Elemente können so verbunden werden wie „Fusion Food“, ohne dass das Kompositionsprinzip einem hierarchischen oder ausschließenden Modell verpflichtet sein muss. Dies schmeckt dann interessant und ist auch noch gesund, aber „verorten“ kann man das nicht mehr, denn es ist eben nicht chinesisch, thailändisch oder australisch, sondern Fusion. „Es ist ent-ortet.“ 9

globales Gewürzangebot online

Es handelt sich um eine Mischküche, die sich aus dem hyperkulturellen Fundus von Gewürzen, Zutaten und zubereitungsformen bedient. Diese Hypercuisine nivelliert die Vielfalt der Esskulturen nicht. Sie wirft ja nicht alles blind in einen Topf. Vielmehr lebt sie von Unterschieden. Und sie kreiert neue Formen. So erzeugt sie eine Vielheit, die bei einer Reinhaltung der lokalen Küche nicht möglich wäre. Globalisierung und Vielfalt schließen sich nicht aus.10

Hyperkulturalität wirkt also eher vervielfältigend als gleichmachend. Keine noch so traditionsgebundene Partei wird es mehr schaffen, die Vielfalt der Gewürze und Speisen, also die Hypercuisine wieder zu verdrängen. Der Hypermarket des Geschmacks ent-Ortet das Eigene.[Ebd. ] So ist in Garmisch-Partenkirchen nunmehr das Sushi genauso zu Hause, wie das Weißbier in Hawaii.

hyperkulturelles Angebot in Würzburg

Wir sind hyperkulturelle Touristen

Wie beim Internetbrowsen im Gegensatz zum Lesen eines normalen Buches neue Freiheiten und Möglichkeiten entstehen, so ist unser Leben heute auch durch die Hyperkulturalität mit ganz neue Freiheiten und Möglichkeiten ausgestattet.

Der Leser eines konventionellen Buches muss sich der vorgegebenen Ordnung unterwerfen. Damit ist der Leser zu einer Passivität gezwungen. Der Hypertext lässt dagegen eine andere Lesehaltung zu. Er stellt Möglichkeiten der Wahl zur Verfügung. Der Leser ist somit nicht mehr in ein vorgegebenes, gleichsam monochromes Sinn- und Ordnungsgefüge geworfen. Vielmehr bewegt er sich aktiv, legt selbstständig Pfade durch den vielfarbigen Raum des Hypertextes.11

Die Welt ist eine Art “windowing-Hypertext”. Wie bei Browser die Fenster aufgehen, auf unsere Eingabe der Adresse warten, uns neue Fenster vorschlagen oder öffnen, bieten Fenster (im Sinne von wählbaren Möglichkeiten) uns den Zugänge zum hyperkulturellen Universum. Die Welterfahrung beruht auf dem durchschreiten der Fenster.12

Der hyperkulturelle Tourist bereist den Hyperraum von Ereignissen, der sich dem kulturellen Sightseeing erschließt. So erlebt er die Kultur als Kul-Tour.13

Die folgende Darstellung zeigt das Gewirr kultureller Orientierungssysteme (hier als farbige Linien dargestellt, die den geografischen Raum durchspannen). Als “hyperkultureller Tourist” oder “user” kann ich aus diesem Geflecht gezielt auf Fenster (Orte, Menschen, Informationen etc.)  im “World Wide Market” der Kulturen zugreifen, oder von kulturellem Angebot zu Angebot surfen.

Beim Windowing gleitet man von einem Fenster zum nächsten, von einer Möglichkeit zur anderen.14
Hyperkulturalität Modell

Neue vielfarbige Identitäten

Das Windowing gewährt die Möglichkeit einer individuellen Narration, eines individuellen Daseinsentwurfes:

Wo der Horizont zu einer vielfarbigen Möglichkeit zerfällt, kann man aus ihnen eine Identität zusammenstückeln. An die Stelle eines monochromen Selbst tritt ein vielfarbiges Selbst.15

Kulturelle Angebote der Welt frei Haus

Die Kulturen der Welt stehen uns Gleichzeitig, Nebeneinander und miteinander vernetzt zur Verfügung. Wir können uns über die Kulturkollektive informieren und mit den interagieren. Byung-Chul spricht hier vom “Hypermarkt der Kulturen” oder vom “Hyperraum der Möglichkeiten und Informationen”
Hypermarkt der Möglichkeiten

Ein Beispiel können die Religions- und Glaubensgemeinschaften dieser Welt sein. Diese haben sich über Jahrhunderte transkulturell über die Welt ausgebreitet. Heute ist die Geografie für die Verbreitung und den Zugang zu den Glaubensgemeinschaften kaum noch ausschlaggebend. Über das Internet kann ich mich selbst in abgelegenen deutschen Dörfern über den Daoismus informieren, mir eine App zur Erinnerung an die muslimischen Gebetszeiten auf mein Smartphone laden oder per Email Kontakt zu meinem indischen Guru aufnehmen.

Islam im web of cultures

Das bezeichnende und damit Hyperkulturelle an der Sache ist, dass ich an all diesen Kulturangeboten teilhaben, mit all den Kulturgruppen in Kontakt treten und von all den Kulturen geprägt werden kann, ohne dass ich mein Dorf/ Haus/ Zimmer verlassen muss.

Where do you want to go today?

Der Werbeslogan von Microsoft beschreibt ein Lebensgefühl unserer Zeit. Wir haben heute mehr als 8.000 Internetradiosender, hunderte Urlaubsziele, tausende Filme, Millionen von Bücher zur Auswahl, von Webseiten ganz zu schweigen. Wir haben uns schon so sehr an den Hypermarkt der Kulturen gewöhnt, dass uns heute selbstverständlich erscheint, was noch für unsere Großeltern unmöglich, ja unvorstellbar war. Hier ein paar Beispiele, wie wir als “user” durch den “world-wide-market”, das “global-cultur-web” surfen:

  • Ich bestelle in Würzburg bei meinem Lieblingsteeladen in Berlin den aktuellen Flugtee aus Darjeeling.
  • Ich sitze auf meiner Yogamatte in einer alten Schule in Würzburg und singe indische Mantras, die mein fränkischer Yogalehrer gerade aus Mysore mitgebracht hat.
  • Ich skype mit einem Freund der gerade in Brasilien ist und mir über die Ayahuasca-Religionen dort berichtet.
  • Vor einem Picknick am Main mit Freunden, schaue ich im Internet noch einmal nach, wie ich die vietnamesischen Sommerrollen am besten zubereite. Die Freunde aus Spanien bringen Caipirinha. Nach dem Essen spielen wir Kubb, das Holzspiel aus Schweden.
  • Während ich auf den Seiten einer feministischen NGO aus Kalifornien Texte zu Geschlechterkonstruktionen lese, läuft auf Soundcloud ein Mix aus indischer Musik und Elektro des niederländischen DJ’s Rafranga, eine Live-Aufnahme aus einem Club aus London.

    hyperkulturelles Musikangebot
  • Ich schaue auf BBC die Live-Bilder der Verfolgung der Charlie Hebdo-Attentäter. Dabei telefoniere ich mit einem Bekannten in Paris.
  • Ich suche für meine Reise nach Hanoi bei http://www.happycow.net vegane Restaurants heraus. Bei der Gelegenheit schaue ich gleich, welche eigentlich aktuell in Würzburg gelistet sind.
  • Am Frühstückstisch hört meine Freundin über unser Internetradio die französische Morgensendung auf France Inter. Ich bitte sie um 7Uhr auf Bayern2 umzuschalten, um den Wetterbericht zu hören.
  • Für meinen Browser lade ich eine neue App herunter. Ich weiß zwar nicht, wo auf der Welt die programmiert wurde, aber ich freue mich, dass ich nun das youtube-Video der unserer Jugendbegegnung in Polen herunterladen kann.
  • Ich lade mir für meine Zugfahrt nach Frankfurt noch eine Zen-Cast-mp3-Datei herunter. So kann ich auf der Fahrt den Vortrag des buddhistischen Mönches Gil Fronsdal hören, den er wöchentlich in San Francisco über Meditation und Buddhismus hält.
  • Ich bestelle bei einem schwedischen Möbelhaus eine in China gefertigte Lampe, die ich bei einem Freund in der Slowakei gesehen habe.
  • Ich schreibe einen Blog und benutze Zitate von Menschen aus allen Teilen der Welt und mache sie damit zugänglich für alle Menschen in allen Teilen der Welt.

Hyperkulturell ist vor allem, dass alle beschriebenen Situationen problemlos an einem Tag stattfinden könnten. Eine weitere Besonderheit der Hyperkulturalität kann man besser verstehen, wenn wir uns die Lebenswelt unserer Eltern und Großeltern zu den Situationen denken. Im Dorf meines Großvaters gab es zum Beispiel bis weit in die 90er Jahre weder Sternanis noch Tofu, noch Ingwer. Die Zunahme der Auswahl an Lebensmitteln und Gewürzen in diesem Dorf steht für mich für eine generelle Öffnung der globalen kulturellen Angebote, die unser Jetzt und Heute ausmachen und unsere kulturellen Rahmenbedingungen von der Lebenswelt unserer Großeltern radikal unterscheidet


Abgrenzung zur Multi-, Inter-, und Transkulturalität

 

Interkulturalität ist 2D – Hyperkulturalität multibleD

Die Idee der Inter-kulturalität legt der Kultur ein ‘Wesen’ zugrunde. Auch die Nationalisierung oder Ehnisierung der Kultur haucht dieser eine “Seele” ein. Ein Inter soll die dialogischen Kulturen in ein Verhältnis bringen. Nach diesem Kulturverständnis ist der kulturelle Austausch nicht ein Prozess, der die Kultur erst das sein ließe, was sie ist, sondern ein besonderer, ja “förderungswürdiger” Akt.16

Im Gegensatz zur Interkulturalität, die den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen sucht, ist der Begriff des Dialogs der Hyperkultur fremd, da dieser verschiedene Standpunkte voraussetzt, die im Hyperraum nicht existieren.

Zudem kommt die Hyperkulturalität ohne Begriffe wie Toleranz und Integration aus. Der Hyperraum ist ein Angebot aus dem sich Menschen (auch verschiedener Herkunftskulturen) gleichermaßen bedienen können. Nutze ich ähnliche hyperkulturelle Angebote wie ein Jugendlicher aus Istanbul, warum sollten wir dann Toleranz üben? Wir sollten uns ja bestens verstehen, weil wir die selbe Meditationspraxis üben, ähnliche Musik hören und beide gerne Murakami lesen. Vielleicht verstehen wir uns sogar besser, als ich mich mit meinem fränkischen Nachbarn, der sehr sehr andere kulturelle Angebote lebt.

Multikultur und Hyperkultur

Auch die Multikultur begreift die Kultur nicht grundsätzlich anders. Den kulturellen Unterscheiden die nun mal gegeben sind, kommt man durch “Integration” oder “Toleranz” bei. So eröffnet die Multikulturalität wenig Raum für gegenseitige Durchdringung und Spiegelung.17

Die Hyperkultur unterscheidet sich auch insofern von der Multikultur, als sie wenig Erinnerung hat an die Herkunft, Abstammung, Ethnien oder Orte.18

Transkultur kennt Grenzen – Hyperkultur nicht

Die Transkulturalität betont den „Aspekt der Grenzüberschreitung“, setzt also Grenzen voraus. In der Transkulturalität wird das Individuum als Wanderer oder Grenzgänger zwischen den Kulturen beschrieben. Dieser Übergang (Transit) zwischen Kulturen ist in der Hyperkulturalität nicht möglich, da diese Kulturen bereits ent-grenzt, ent-ortet und ent-fernt wurden. Der Mensch bewegt sich in einem Hyperraum, der alles zusammenfasst und zulässt.

Im Gegensatz zur Transkulturalität kennt die Hyperkulturalität die Emphase der Grenzüberschreitung nicht. Hyperkulturell ist das abstandslose Nebeneinander unterschiedlicher kultureller Formen. […] Unterschiedliche kulturelle Formen, Vorstellungen, Klänge und Gerüche, die sich aus ihrem ursprünglichen Ort gelöst haben, bieten sich an in einem grenzenlosen Hyperraum.19

Die Hyperkultur erzeugt ein singuläres hier. Wo heterogene Inhalte abstandslos nebeneinander liegen, erübrigt sich das Trans. Nicht das Trans nicht das Multi oder Inter, sondern das Hyper kennzeichnet die kulturelle Verfassung von heute. Die Kulturen zwischen denen ein Inter oder ein Trans stattfände, werden ent-grenzt, ent-ortet, ent-fernt zur Hyper-Kultur.20

Die Transkulturalität besitzt gerade diese Dimension des Hyper nicht. Nicht die Weite des Trans, sondern die Nähe des raum-zeitlichen Nebeneinander kennzeichnet die heutige Kultur. Nicht das Multi oder das Trans, sondern das Hyper (Akkumulation, Vernetzung und Verdichtung) kennzeichnet das Wesen der Globalisierung.21

Transkultur war schon immer – Hyperkulturalitat gibt’s nur Heute

Welsch bemerkt, dass die Kultur “nicht erst heute” sondern immer schon “von transkulturellem Zuschnitt” gewesen sei. Im Gegensatz zu dieser Transkulturalität, die offenbar in jeder Epoche, in jeder Kultur wirksam gewesen ist, kennzeichnet die Hyperkulturalität die Kultur von heute. Die Hyperkulturalität setzt bestimmte historisch, sozio-kulturelle, technische oder mediale Prozesse voraus. Sie ist fernen an eine besondere Erfahrung von Raum und Zeit, an eine besondere Identitätsbildung und Wahrnehmung gekoppelt, die es früher nicht gab. So sind weder die griechische noch die römische Kultur, noch die Kultur der Renaissance hyperkultuell. Die Hyperkulturalität ist ein Phänomen von heute.22

Hypergesellschaft


Kritik Hyperkulturalität

 

Auch wenn das Konzept der Hyperkulturalität einen sehr erfrischenden Abstand zum alten Kulturbegriff einnimmt und Kultur in vielen Facetten neu denkt, hatte ich beim Lesen des Essays von Byung-Chul Han doch oft das Gefühl, dass wir hier von einer sehr privilegierten Position aus auf die Welt, auf Globalisierung und auf die globale kulturelle Situation schauen.

Profitieren tatsächlich alle von der Globalisierung?

In seiner Schrift “Die Globale Klasse” weißt Anil Jain darauf hin, dass die Globalisierung längst nicht für alle Menschen auf der Welt zu mehr Möglichkeiten, mehr Zugängen oder mehr Auswahl führt. Vielmehr ist die netzwerkartige globale Struktur, auf wenige konkrete Plätze (global Citys) und Länder (Länder des globalen Nordens)  konzentriert. Die Peripherie dringt gleichzeitig diffus in die zentralen Regionen ein, bleibt aber (wie die Löcher eines Netzes) von den globalen Verbindungen faktisch isoliert.23

Globale Klassen im Hypermarkt der Möglichkeiten

Die Globale Klasse beschreibt Jain genau so, wie Byung-Chul das Leben im hyperkulturellen Markt der Möglichkeiten:

Die globale Klasse kennt keine Grenzen. Wie wäre sie sonst auch »global« zu nennen? Sie ist überall zu Hause – und verweilt nirgendwo lange. Denn ihre wie selbstverständliche, kaum herausgeforderte Herrschaft über den globalen Raum läßt ihren Angehörigen keine Zeit, sich niederzulassen. Ihre globale Präsenz erfordert globale Mobilität. Sie sind die »Business-Class-Vagabunden« einer neuen Zeit. So begegnen sich die rastlosen, ortlosen »Agenten« der globalen Klasse in den Wartehallen der Flughäfen, sie kommunizieren über die verschlungenen Pfade des Internets, und sie erkennen sich gegenseitig über die »Codes« der Weltläufigkeit.24

Auf der anderen Seite stehen aber die »Globalisierungsverlierer«: das lokalisierte »Proletariat«, die Marginalisierten dieser Erde:

Sie stehen vor verschlossenen Türen, sind auf ihre lokalen Strukturen verwiesen, abgeschnitten vom globalen Raum. Gefesselt an den Ort, haben sie sich mit den Prozessen auseinanderzusetzen, die mit der – als ebensolche wahrgenommenen – »Naturgewalt der Globalisierung über sie hereinbrechen, ohne Ausweich- und Einflußmöglichkeiten zu besitzen. Nur auf (illegalen) Schleichwegen können sie die ihnen gezogenen Grenzen durchbrechen. Doch auch wenn es ihnen gelingt, bis in die globalen Metropolen vorzudringen, bleiben sie meist ausgeschlossen. Als »Gastarbeiter«, »Illegale«, »Asylanten« etc. stigmatisiert und diskriminiert fristen sie ein Schattendasein. Ihr ungesicherter Status schränkt auch hier ihre (realen und gedanklichen) Bewegungsräume ein. Sie teilen dieses Schicksal mit den sozialen Randgruppen der »Zentrumsnationen/-regionen«: den Arbeitslosen, den »sozial Schwachen« und denjenigen, die sich dem »Mobilitätsregime« der globalen Gesellschaft bewußt widersetzen wollen.25

Hyperkulturalität ein Phänomen für Privilegierte?

Ich frage mich, ob diese Marginalisierten, die “Verlierer der Globalisierung”, die Fischer auf den Philippinen, der Obdachlose in Wien, die Näherin in Bangladesch, die Flüchtlinge in der Sahara und der Arbeitslose in Dettelbach tatsächlich in einem Hypermarkt der Kulturen stehen, in dem sie unbegrenzt und nebeneinander kulturelle Angebote und Möglichkeiten haben. Technisch vielleicht schon. Aber auch praktisch? Ist die Welt heute in eine hyperkulturelle Klasse und eine Klasse lokalisierter Kulturen getrennt?

Nicht nur die technischen Möglichkeiten und Fähigkeiten (wer hat Smartphone und Internet?), auch unser Alter, unsere soziale Schicht und unser Bildungshintergrund bestimmen entscheidend mit, inwieweit wir den Hypermarkt der Kulturen nutzen können. Schon ohne Fremdsprachen ist der Zugang zu vielen kulturellen Angeboten dieser Welt, zu vielen Webseiten, nach wie vor eingeschränkt. Wir müssen die Komponenten Macht&Möglichkeiten mitdenken, wenn wir über ein hyperkulturelles Angebot sprechen.


Literatur

 

Han, Byung-Chul: Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung, Berlin 2005


weitere Kulturkonzepte:

InterkulturalitätMultikulturalitätTranskulturalitätHyperkulturalitätTransdifferenzDiversityKonzept der Intersektionalität


  1. Theodor Holm Nelson, Dream Maschienes, Redmond, S.1/14
  2. Han, Byung-Chul: Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung, Berlin 2005
  3. Ebd. S.47
  4. Ebd. S.40-41
  5. Ebd. S.41-42
  6. Ebd. S. 17
  7. Ebd. S.43
  8. Ebd. S. 22
  9. Niels Werber in TAZ-online, 06.07.2005: Inter, Multi, Trans oder Hyper http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2005/07/06/a0162
  10. Ebd. S. 23
  11. Ebd. S. 48
  12. Ebd. S.49,54
  13. Ebd. S.47
  14. Ebd. S.54
  15. Ebd. S.54
  16. Ebd. S.56
  17. Ebd. S.56
  18. Ebd. S.59
  19. Ebd. S. 59
  20. Ebd. S.59
  21. Ebd. S.59-60
  22. Ebd. S. 60
  23. Vandana Shiva und Andrew Dobson argumentieren, dass nur bestimmte Länder Globalisierungskräfte besitzen. Die anderen werden globalisiert. In diesem Sinne hat der Norden dieser Welt eine globale Reichweite, während der Süden nur lokal existiert: Globalisation is an asymetrical process in which not only its fruits are divided up unequally, but also in which the very possibility of ‘being global’ is unbalanced. Zitiert aus: Dobson, Andrew Green Political Thought, 2006, S.262
  24. Jain, Anil K.(2000), Die „Globale Klasse“, Die Verfügungsgewalt über den (globalen) Raum als neue Dimension der Klassenstrukturierung, http://www.power-xs.de/jain/pub/globaleklasse.pdf
  25. Ebd.