Die Multikulturalität bezeichnet das Neben- oder Miteinander verschiedener Kulturen in einer Gesellschaft. Es wird von einem gruppenbezogenen Kulturverständnis ausgegangen, welches Kulturen als innerlich homogen und nach außen abgegrenzt versteht.

Der Begriff des Multikulturalismus ist inzwischen zu einem Schmähwort geworden. Dem Verständnis von Multikulturalität liegt ein Kulturbegriff zugrunde, in dem kulturelle Eigenschaften als Werte und Normen gedacht werden, die sich zu Mentalitäten verdichten und damit statisch und quasi unveränderlich erscheinen. Damit ist Multikulturalität genau das Gegenteil vom neuen Kulturbegriff.

Das neue Neben-Mit-Ein-Ander

Wie Wolfgang Welsch herausarbeitet, geht das Konzept von der Existenz klar unterschiedener, in sich homogener Kulturen aus –nur jetzt innerhalb ein und derselben staatlichen Gemeinschaft. Deutsche, Italiener, Türken und Griechen leben jetzt nicht mehr nur in Staaten nebeneinander, sondern auch als Kulturen innerhalb von Köln, Frankfurt und Berlin. Das Multikulturalitätskonzept sucht dann nach Chancen der Toleranz, Verständigung, Akzeptanz und Konflikvermeidung oder Konflikttherapie zwischen den (Herkunfts-)kulturellen Gruppen in der Gesellschaft.1

Multikulturalität Modell

Gastarbeiter werden Mitbürger

Der Gedanke des Multikulturalismus hatte in den 1980er Jahren Hochkonjunktur in Deutschland. In dieser Zeit war deutlich geworden, dass die angeworbenen Gastarbeiter der 60/70er Jahre, nicht einfach nur vorübergehende Arbeitsgäste sein werden, sondern Menschen, die in dieser “deutschen” Gesellschaft ankommen und leben möchten. Die neue Konstellation mündete in einen Diskussion um Partizipation und Einbindung in gesellschaftliche Prozesse. Multikulturalismus ist also der Versuch, die neue Internationalität der gesellschaftlichen Struktur Deutschlands mit einem Begriff zu erfassen.

Die Debatte um Multikulturalität hat es einerseits geschafft, die Unsichtbaren dieser Gesellschaft, die ““damaligen “Gastarbeiter”, zu sichtbaren Subjekten zu machen. […] Allerdings […] verlief die Grenze der Sichtbarkeit entlang der Herkunft und der vermeintlichen Kultur der Neuankömmlinge, die ihnen zum Verhängnis wurde.2

Abgrenzungsversuche von der nationalsozialistischen Vergangenheit

Mit der Diskussion um das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen in Deutschland sollte darüber hinaus aber auch die Seinsberechtigung aller Kulturen betont werden. Auftrieb bekam die Diskussion durch die Debatten in Kanada und den USA, die insbesondere von Charles Taylor mit seinem Essey “Multiculturalism and  >The Politics of Recognition<” angeschoben wurden.

Döner und “Türken”

Leider wurde die Diskussion in Deutschland schnell zugespitzt und eingeschränkt durch einen übermächtigen Fokus auf (Herkunfts-)Kultur. Multikulturalismus war damit gleichzeitig die Entdeckung der kulinarischen Vielfalt und die Geburtsstunde einer gesellschaftlichen Ethnisierung von Menschen mit Migrationshintergrund.

Hausfassade in Würzburg

Nebeneinander von Kulturen

Das Nebeneinander von Kulturen – und nichts anderes bedeutete der Multikulturalismus in Deutschland – erhob zwar den Anspruch eines Miteinanders, formulierte aber zwei wesentliche Fallen: er beschränkte sich auf Menschen mit einem Migrationshintergrund und auf die Ethnie und wies ihnen einen gesellschaftlichen Raum zu, der angeblich ihrer Ethnie entsprach. Konkret bedeutete diese, das der “Türke” zum “Türken” gemacht wurde und auch als solcher reagieren sollte. […]

Auffallend ist, dass der “Türke” mit einer geschlossenen traditionellen Familienform und patriarchalen Praktiken assoziiert und mit vormodernen Elementen gleichgesetzt wird, aus denen er sich befreien soll. das Bild zeigt auch, dass er sich nur mit Hilfe von außen aus dieser Zwickmühle befreien kann. […]3

Entmündigung

Wie Nevim Cil weiter ausführt, kommt es damit zu einer Entmündigung der neuen Bürger. Die neuen Bürger wurden nicht als gleichwertige Gesprächspartner gesehen, sondern als unmündige Wesen, die an die Hand genommen werden sollten.

Die Hilfe, die Ihm zuteil wurde, beschreibt die zweite Falle in der Multikulturalität: Denn gleichzeitig schafft Multikulturalismus auch einen Habitus, der vor allem Mitglieder aus der Mehrheit zu Gewinnern machte. Man profitiert von kulinarischen Köstlichkeiten, setzt sich gegebenenfalls für “Ausländer” ein, […] und konnte sich der Idee nahe fühlen, tatsächlich eine neue Gesellschaft aufzubauen, in der Partizipation trotz unterschiedlicher Herkunft großgeschrieben wurde.4

Die Idee des Multi-Kulti, so wie sie weithin verstanden wurde, ist also die Idee eines “Karnevals der Kulturen”, bei welchem (wie beim KdK in Berlin) die Vielfalt der Gesellschaft durch das Tolerieren, Akzeptieren und Sichtbarmachen verschiedener Kulturgruppen gefeiert wird. Hierbei geht es um ein Nebeneinander von teilweise exotisierten Gruppen (schön bunt, schön anders …) die zusammen feiern, in sich aber geschlossen bleiben und sich miteinander nicht vermischen.
Mulitkulti in der google Bildersuche


Kritik Multikulturalität

Problematisch ist die Idee einer kulturellen Vielfalt, die sich am Artenschutz orientiert die nur zu erreichen wäre durch künstliche Umzäunungen. Unfruchtbar wäre die museale oder völkerkundliche Pluralität. Zur Lebendigkeit eines kulturellen Austauschprozesses gehört auch die Ausbreitung, aber auch das Verschwinden bestimmter Lebensformen.5

Parallelgesellschaftsgedanke führt zu Parallelgesellschaften

Wolfgang Welsch betont, dass das Konzept der Multikulturalität  zwar gegenüber konservativen Forderungen nach gesellschaftlicher Homogenität progressiv war, in seinem Kulturverständnis aber  traditionell bleibt. Damit droht dann gerade das gutgemeinte Multikulti, regressiven Tendenzen Vorschub zu leisten. So kommt es unter Berufung auf kulturelle Identität zu Gettoisierung und Kulturfundamentalismus, welcher sich dann in Debatten wie der über eine deutsche “Leitkultur” ausdrückt.6 Menschen verschiedener Herkunft werden durch die Überbetonung von Herkunftskultur zu ewig fremden Nachbarn, betont wird Trotz der Idee des Miteinanders das Trennende, nicht das Gemeinsame.
Hausfassade in Würzburg

Einige Kritiker des Multikulturalitätsgedankens betonen sogar, dass gerade der Multikulturalitätsgedanke verantwortlich sei für die Ausbildung von “Parallelgesellschaften”:

Die Überbetonung der Ethnie – die im Gedanken des Multikulturalismus enthalten ist – wurde zu einem Problem, denn die “Türken”, “Italiener”, “Griechen”, und alle anderen gruppen, die als “Gastarbeiter” gekommen waren, reagierten tatsächlich aus der Ethnie heraus und formulierten daraus ein “wir”, da ihnen kein anderer gesellschaftlicher Ausdrucksrahmen zur Verfügung stand. Diejenigen, die heute zum Problem erklärt werden, weil sie angeblich in einer “Parallelwelt” leben, reagieren streng genommen so, wie es der Multikulturalismusgedanke vorgab.7

Multikulturalität im Angesicht der Transkulturalität

Die Kritik am traditionellen Konzept der Einzelkulturen sowie an den neueren Konzepten der Interkulturalität und der Multikulturalität lässt sich folgendermaßen resümieren: Wenn die Kulturen tatsächlich noch immer, wie diese Konzepte unterstellen, inselartig und kugelhaft verfasst wären, dann könnte man das Problem ihrer Koexistenz und Kooperation weder loswerden noch lösen. Nur ist die  Beschreibung der Kulturen als Kugeln bzw. Inseln heute deskriptiv falsch und normativ irreführend. Die  Kulturen haben de facto nicht mehr die unterstellte Form der Homogenität und Separiertheit. Dies ist der  Ausgangspunkt des Konzepts der Transkulturalität.8

In der Gegenwärtigen Debatte scheint der Begriff des Multikulturalismus ausgedient zu haben und vom begriff der Diversity abgelöst worden zu sein.


Multikultur 2.0

Susanne Semmler glaubt in dem von  ihr herausgegebenen Buch “Multikultur 2.0” an eine neue, ehrlichere und reflektierte Form der Multikulturalität, welche Sie in ihrem Vorwort zu einer Sammlung von kritischen Beiträgen zur Einwanderungsgesellschaft gerne mit dem Begriff der “Multikultur” vom alten Konzept und seinen Vorstellungen trennen möchte:

Kultur wird in diesem Fall verstanden als Multiplizität und Mannigfaltigkeit, etwas, das praktiziert, stets neu hergestellt und erfunden wird. Und zwar von uns allen, nicht nur von den Einwanderern und ihren nachkommen, etwas, das gerade im Zusammenspiel des Neuen, Diversen, Heterogenen, Reibungen Erzeugenden entsteht und zu einem Pluralismus führt. In einem solchen Zusammenhang wird klar, das es nicht einfach um die Integration Nichtdeutscher in die deutsche Gesellschaft geht – alle Seiten in diesem Prozess ändern sich. Die deutsche Gesellschaft muss sich neu erfinden! Es gilt, mit den Worten Serhat Karakayalis –, die Unmöglichkeit, deutsch zu sein, neu zu bestimmen. Multikultur in diesem Sinne ist eine Zustandsbeschreibung. Das Konzept, das Update für die Gestaltung einer solchen Situation, gilt es zu entwickeln – es ist an der Zeit, endlich in ein postethnisches Zeitalter einzutreten. 9


Literatur

Stemmler, Susanne (Hrsg.): Multikultur 2.0. Willkommen im Einwanderungsland Deutschland, Bonn 2011.


weitere Kulturkonzepte:

InterkulturalitätMultikulturalitätKonzept-der-Transkulturalitt9141HyperkulturalitätTransdifferenzDiversityIntersektionalität


  1. Vgl. Welsch, Wolfgang (1995): Transkulturalität, Beitrag in: Institut fü̧r Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Migration und Kultureller Wandel, Schwerpunktthema der Zeitschrift für Kulturaustausch, 45. Jg. 1995/1. Stuttgart
  2. Cil, Nevim (2011): Diversität und Multikulturalität. Macht und Ausgrenzung in modernen Gesellschaften, in: Stemmler, Susanne (Hrsg.): Multikultur 2.0. Willkommen im Einwanderungsland Deutschland, Bonn 2011, S. 197
  3. Ebd. S. 196
  4. Ebd.
  5. Han, Byung-Chul (2005): Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung, Berlin S.22
  6. Vgl. Welsch, Wolfgang (1995): Transkulturalität, Beitrag in: Institut fü̧r Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Migration und Kultureller Wandel, Schwerpunktthema der Zeitschrift für Kulturaustausch, 45. Jg. 1995/1. Stuttgart
  7. Cil, Nevim (2011): Diversität und Multikulturalität. Macht und Ausgrenzung in modernen Gesellschaften, in: Stemmler, Susanne (Hrsg.): Multikultur 2.0. Willkommen im Einwanderungsland Deutschland, Bonn 2011, S. 196
  8. Welsch, Wolfgang (1995): Transkulturalität, Beitrag in: Institut fü̧r Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Migration und Kultureller Wandel, Schwerpunktthema der Zeitschrift für Kulturaustausch, 45. Jg. 1995/1. Stuttgart
  9. Stemmler, Susanne (Hrsg.): Multikultur 2.0. Willkommen im Einwanderungsland Deutschland, Bonn 2011, S. 21