Menschen sind immer Teil von mehren Machtnetzwerken. Die Handlungsmöglichkeiten eines Menschen werden durch diese Machtstrukturen enorm beeinflusst. Dabei ist das Zusammenspiel von verschiedenen Macht- oder Nicht-Macht-Aspekten entscheidend.

Unter Intersektionalität wird […] verstanden, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren “Verwobenheiten” oder “Überkreuzungen” (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven sollen überwunden werden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen1

 

Benachteiligung kombiniert

Der Begriff Intersektionalität geht u.a. auf die US-amerikanischen Rechtswissenschaftlerin Kimberley Crenshaw zurück, die ihn Ende der 1980er Jahre einführte, um die spezifischen Benachteiligungserfahrungen  Schwarzer Frauen erfassen zu können. Denn diese Frauen sind anders als weiße Frauen nicht nur als Frauen benachteiligt, sondern auch als Schwarze. Und diese Schwarzen sind nicht nur wie schwarze Männer als Schwarze benachteiligt, sondern auch als Frauen. Schwarze Frauen haben also eine ganz besondere Kombination an Benachteiligungen, die in verschiedenen Kontexten wirksam werden können.

 

Die Straßenkreuzung als Bild

Mit dem Bild der Straßenkreuzung (intersection) soll verdeutlicht werden, dass die Analyse von Diskriminierung mehrdimensional erfolgen und die Wechselbeziehung zwischen verschiedenen Benachteiligungsdynamiken (z.B. „race“ und gender) berücksichtigt werden muss. Jeder Mensch ist damit eine eigene “Kreuzung” von verschiedenen Machtlinien. Die Gruppenzugehörigkeiten eines Menschen  (Hautfarbe, Religion usw.) beeinflussen zusammen mit der Machtposition der verschiedenen Gruppen (privilegiert/ deprivilegiert) seine Handlungsmöglichkeiten.

Intersektionalität

Ungleiche Chancen im Netzwerk der Macht

Eine Berufseinsteigerin mit Realschulabschluss und einem Kind hat vielleicht weniger Chancen auf einen Job in einer Bank, als ein Mann in der selben Lage. Beide haben aber gegebenenfalls das Nachsehen, wenn sich gleichzeitig ein Abiturient oder eine Abiturientin bewirbt.

Oder stellen wir uns eine Wohnungsbesichtigung vor, an der Wohnung in einem sehr begehrten Wohnviertel sind folgende Menschen interessiert:

  • ein Student, der gerne eine WG aufmachen möchte
  • eine Flüchtlingsfamilie, die gerade ihren Aufenthaltserlaubnis erhalten hat
  • ein arbeitsloser Vater mit seiner Tochter
  • eine Angestellte aus Polen
  • ein Rentner
  • eine Arztfamilie
  • ein Obdachloser

an wen, glauben Sie, wird die Wohnung  vermietet werden?

Warum sieht man im Fernsehen kaum ältere Moderatoren? Und warum sieht man gar keine ältere Moderatorinnen?

Ältere Menschen geraten in unserer Gesellschaft oft in Isolation und Einsamkeit. Auch sozial schwache Familien sind oft aus finanziellen Gründen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Wie ist das nun mit sozial schwachen Rentnern? Wie ist das mit sozial schwachen Rentner_innen?

Identität & Macht

 
Welche Machtstrukturen bestimmen mich?

Um einen Überblick über wesentliche Machtkonstellation der eigenen Identität zu erhalten, gibt es die Power Flower-Übung der Anti-Bias-Werkstatt. Auf dem Arbeitsblatt kann ich Blütenblätter ausmalen. Dabei stehen die inneren Blütenblätter für eher privilegierte, die äußeren Blütenblätter für eher deprivilegierte Vielfalts-Aspekte.
Power Flower Detail

 
Macht macht den Unterschied

Die Intersektionalität macht uns darauf aufmerksam, dass selbst Menschen die gegen die gleiche Diskriminierungsform (Rassismus, Sexismus,  Ableism etc.)  ankämpfen, durchaus unterschiedliche Perspektiven und Interessen haben können, abhängig von weiteren Gruppenzugehörigkeiten.

Schon im 19. Jahrhundert hat die Schwarze Sklavin Sojourner Truth mit ihrem Ausspruch „Ain’t I a Woman?“ die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Weißsein in Frage stellte. Das Combahee River Collective veröffentlichte 1977 eine Erklärung mit dem Titel „A Black Feminist Statement“, das die von weißen Mittelklasse Frauen dominierte feministische Bewegung in den USA dafür kritisierte, die Lebenslagen und Erfahrungen von Schwarzen Frauen zu vernachlässigen.

Als ein weiteres Beispiel für diese Kritik kann auch die Schwarze Kulturtheoretikerin Bell Hooks angeführt werden. „Sie merkt an, dass sich die Forderungen bzw. Theorien weißer Feministinnen nur an den Interessen einer exklusiven Gruppe orientieren, die sich das Recht herausnimmt, ihre Politik im Namen ‚aller Frauen’ zu legitimieren.“2

Ähnliche Kritik kam in diesem Zeitraum auch von Frauen aus der Arbeiter_innenklasse oder von Frauen mit zugeschriebener Behinderung. Letztere betreffend sei die Debatte um den §218 erwähnt:

Das Abtreibungsverbot stand ab den 1970er Jahren ganz oben auf der politischen Agenda der nichtbehinderten Frauenbewegung. Für Frauen mit Behinderungen war jedoch ein ganz anderes Thema relevant: Sterilisation. Denn Frauen mit Behinderungen sollten keine Kinder bekommen. Doch die weit verbreitete Praxis der (Zwangs-)Sterilisation von behinderten Mädchen und jungen Frauen, wie sie in der BRD bis zum Betreuungsgesetz 1990 ohne Einwilligung der Betroffenen möglich war, wurde von der nichtbehinderten Frauenbewegung ignoriert“.3

 


Intersektionalität in Gruppen

Wenn wir uns Gruppen anschauen, entdecken wir auch hier ein Netz von Differenzlinien, die oft auch über Macht/Privilegierung oder Nicht-Macht/Unterdrückung mitentscheiden. Dabei können verschiedene Situationen die Gruppe in unterschiedliche Machtgruppen einteilen.

Nehmen wir eine Schulklasse. Wenn der Sportlehrer sagt, Mädchen dürfen nicht beim Fußball mitspielen, teilt sich die Klasse gemäß des Geschlechts. Benachteiligt sind in diesem Fall alle Mädchen. Wenn es um die Leistungskontrolle beim Schnelllauf geht, sind dagegen alle die benachteiligt, deren körperliche Fähigkeiten nicht den Normen der Leistungsbewertung entsprechen. Will die Klasse eine Klassenfahrt ins Ausland machen, sind vielleicht die Schüler von sozial schwächeren Eltern nicht dabei, während sich bei der Beschimpfung “Brillenschlange” alle Brillenträger_innen unwohl fühlen. Was aber machen die Situationen mit einer dickeren, unsportlichen Schülerin, deren Eltern arbeitslos sind und die eine Brille trägt? Sie wird in allen genannten Beispielen diskriminiert. Haben Lehrer solche Konstellationen und Anhäufungen von Diskriminierungserfahrungen im Blick?

Wundert sich die Gesellschaft nicht, dass Kinder von Migranten, die zudem aus unteren sozialen Schichten stammen, oft keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten, obwohl sie in der Leistung nicht schwächer sind, als andere Schüler, denen das Gymnasium zugetraut wird …?

Differenzlinien in Gruppen


mehr zu Privilegien

 


Einführungs-Video

 


Literatur & Links

Schrader, Kathrin/ von Langsdorff, Nicole (2014): Im Dickicht der Intersektionalität, Münster

Castro Varela, María do Mar/Dhawan, Nikita (Hrsg.) (2011): Soziale (Un)Gerechtigkeit: Kritische Perspektiven auf Diversity, Intersektionalität und Antidiskriminierung, Berlin

Knapp, Gudrun-Axeli/Klinger, Cornelia/Sauer, Birgit (Hrsg.) (2007): Achsen der Ungleichheit. Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität. Frankfurt.

Portal Intersektionalität (mit vielen wichtigen Schlüsseltexten) http://portal-intersektionalitaet.de

Magazin zur Intersektionalität der Heinrich Böll Stiftung: http://heimatkunde.boell.de/2014/10/06/rcg-magazin-zu-intersektionalitaet

Handreichung Intersektionale Pädagogik des Projekts i-Päd http://ipaed.blogsport.de/images/IPD.pdf

Netzwerk Trans*Inter*Sektionalität

Ratgeber zu Transgeschlechtlichkeit, Intergeschlechtlichkeit und Mehrfachdiskriminierung

http://transintersektionalitaet.org/wp-content/uploads/2012/10/Plakat_Freigabe.jpg


  1. Walgenbach, Katharina (2012): Intersektionalität – eine Einführung. http://portal-intersektionalitaet.de/theoriebildung/schluesseltexte/walgenbach-einfuehrung/
  2. Ebd.
  3. Ebd.