Der Trainingsansatz der Social Justice steht für Anerkennungs- und Verteilungsgerechtigkeit und tritt dafür ein, dass alle Menschen den gleichen Zugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen haben: Zugang also zu materiellen, kulturellen, sozialen, institutionellen, politischen Bereichen usw.

Mehr als soziale Gerechtigkeit

Social Justice ist als Begriff aus den USA kommend nicht einfach mit „Sozialer Gerechtigkeit“ zu übersetzen. Der Begriff Social Justice umfasst dagegen eine Forderung und Förderung von Anerkennungsgerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit und bleibt damit als Eigenbezeichnung unübersetzt.

Verteilungsgerechtigkeit bedeutet die Ressourcen in einer Gesellschaft so zu verteilen, dass alle Menschen partizipieren können und physisch wie psychisch in Sicherheit und Wohlbefinden leben können;

Anerkennungsgerechtigkeit bedeutet, die partizipative Anerkennung aller Menschen, so dass niemand strukturell, kulturell und individuell diskriminiert wird. Dabei werden Menschen als gesellschaftliche Akteur_innen aufgefasst, die für ihr eigenes Handeln als Individuum oder in einer Gruppe, sich selbst und der Gesellschaft gegenüber Verantwortung übernehmen.1

Hintergrund

Der Trainingsansatz „Diversity and Social Justice Education” wurde in den USA von Maurianne Adams, Lee Anne Bell und Pat Griffin entwickelt.2 Angeregt durch diesen Ansatz konzipierten Leah Carola Czollek, Gudrun Perko und Heike Weinbach ein eigenes Social Justice Training speziell für den deutschsprachigen Raum, das sie seit 2001 durchführen.3

Macht und Herrschaft zusammen denken

Social Justice betont, dass auf dem Weg zu Anerkennungsgerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit unterschiedliche Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen als strukturelle Machtverhältnisse zusammen und miteinander verwoben zu denken sind. Daher setzt Social Justice bei der Analyse von Macht und Herrschaft an: Macht (über die Individuen verfügen) und Herrschaft (als institutionalisierte Macht auf der Grundlage von Gesetzen und politischen Systemen, Ordnungen u.ä.) sind voneinander abhängig, sie greifen ineinander.

Heterosexuelle weiße Männer aus dem globalen Norden haben ein Wirtschaftssystem geschaffen, das vor allem ihre Gruppe privilegiert  und diese Privilegien durch Schulsysteme, Medien, Gesetze und Regelungen reproduziert und erhält. Die schlechtere Bezahlung von Frauen für die gleiche Arbeit, die gesetzliche Diskriminierung von Homosexuellen oder die unmenschlichen Arbeitsbedingungen von Näher_innen in den Ländern des globalen Südens sind als individuelle, institutionelle und kulturelle Mechanismen und Handlungen mit dem bewussten und unbewussten Ziel, Menschen herabzusetzen, abzuwerten und auszuschließen demnach zusammen zu denken.

Nach dem Ansatz der Social Justice müssen Diskriminierung und Rassismus also sowohl auf individueller Ebene (Selbstreflexion) als auch auf Ebene der Institutionen (Staat, Arbeitsstelle, Schule, Vereine, Organisationen) angegangen werden.Rassismus in Organisationen

Komplexität von Diskriminierung

Darüber hinaus will der Ansatz  das Ineinandergreifen von individueller, institutioneller und kultureller Ebene von Diskriminierung aufgreifen und die Komplexität von Diskriminierung aufzeigen. Ähnlich dem Ansatz der Intersektionalität soll jede Form der Diskriminierung in horizontalen und vertikalen Verbindungen untereinander betrachtet werden, weil Personen von mehreren Diskriminierungsformen betroffen sein können, die sich aneinander anschließen. Aber natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dass Menschen Ausgrenzungserfahrungen erleben und gleichzeitig selbst Diskriminierungsmechanismen haben, mit denen sie sich selbst an Ausgrenzung beteiligen.

Die Übungen

Der Trainingsansatz versucht Menschen über Diskriminierung in einen offenen und gleichberechtigten Austausch zu bringen. Die Zielsetzung des Social Justice Trainings liegt darin, Diskriminierung zu verstehen, Stereotypen zu reflektieren, eigene Verwobenheiten zu begreifen und zu reflektieren. Dabei werden, anders als bei anderen Ansätzen, explizit keine Rollenspiele eingesetzt, weil im Social Justice und Diversity Training die unmittelbare dialogische Begegnung von Menschen im Vordergrund stehen soll. Abwechselnd wird in Arbeitsgruppen oder im Plenum gearbeitet. Das dient der Perspektivenerweiterung. Wichtig bei den Übungen und dem Austausch ist, dass die Teilnehmenden selbst entscheiden, wann und wozu sie etwas sagen. Niemand wird gezwungen oder persönlich angesprochen, sich zu äußern. Verschiedene Reflexionsangebote zu einzelnen Diskriminierungsformen verdeutlichen die Intersektionalität zwischen ihnen. 4
social justice

Maxime des Arbeitens

Bei Social Justice geht es nicht um Moralisierung und Beschämung, sondern um Verstehen und Reflexion, Öffnung der Denkräume und das Aushalten von unterschiedlichen Positionen, neuen Erfahrungen und die Umwandlung in neue Handlungsoptionen. Dabei ist wichtig, dass strukturelle Diskriminierung nicht hierarchisiert wird. Vielmehr geht  es um ein Erkennen der allen Diskriminierungsformen zugrunde liegenden strukturellen Bedingtheiten.5


Literatur

 

Adams, Maurianne/Bell, Lee Anne/Griffin, Pat (Hrsg.): Teaching for diversity and social justice. A sourcebook. New York und London 1997 (zweite Auflage 2007)

Czollek, Leah Carola/ Perko, Gudrun/ Weinbach, Heike (2012): Handbuch Social Justice und Diversity. Theorien, Training, Methoden, Übungen,  Weinheim/ München


Links

Institut Social Justice und Diversity: http://www.social-justice.eu/index.html


  1. Vgl. Czollek, Leah Carola/ Weinbach, Heike (2008): Lernen in der Begegnung: Theorie und Praxis von Social Justice-Trainings, IDA e.V. (Hrsg.), Bonn.
  2. Adams, Maurianne/Bell, Lee Anne/Griffin, Pat (Hg.): Teaching for diversity and social justice. A sourcebook. New York und London 1997 (zweite Auflage 2007)
  3. Czollek, Leah Carola/Perko, Gudrun/Weinbach, Heike: Praxishandbuch Social Justice und Diversity. Theorien, Training, Methoden, Übungen. Beltz/Juventa. München/Weinheim 2012
  4. Vgl. Czollek, Leah Carola/ Perko, Gudrun/ Weinbach, Heike (2012): Handbuch Social Justice und Diversity. Theorien, Training, Methoden, Übungen,  Weinheim/ München, S.55-56.
  5. Ebd. S. 69.