diversitätsbewusste Pädagogik in der Schule

Welche Rolle kann und soll der transkulturelle, bzw. der diversitätsbewusste Ansatz in der Schule spielen? Im Folgenden Vorschläge für Unterricht und Schulalltag.

Haltung als Lehrer_in

Der Umgang mit Vielfalt wird vor allem sozial gelernt. Vorbilder und Respektspersonen wie Lehrkräfte spielen eine herausragende Rolle, wenn es darum geht den Umgang mit Menschen verschiedener Bezugsgruppen zu lernen. Haltung und Verhalten der Lehrer_innen gegenüber den unterschiedlichen Hintergründen, Fähigkeiten und Eigenschaften der Schülergruppe sind für die Schüler wichtige Anhaltspunkte für ihr eigenes Verhalten.

Transkulturelles Lernen als Selbstbegegnung!

Gewöhnlich wird der Blick zuerst auf das Andere gerichtet. Im Prozess transkulturellen Lernens ist es dahingegen notwendig, sich zuerst mit sich selbst (als pädagogische Fachkraft) zu beschäftigen, um seine eigene komplexe kulturelle Identität kennen zu lernen. Transkulturelles Lernen versteht sich daher zu aller erst als Begegnung mit sich selbst als Kulturwesen im dreifachen Sinne: als KulturträgerIn, KulturgeprägteR und KulturprägerIn.1 Der Suche nach den kulturellen Wurzeln („Wo komme ich her?“) die als die eine bestimmende Konstellation für die kulturelle Identität gesehen wird stellt Stuart Hall die Reflexion gegangener (Lebens-) Wege gegenüber: From Roots to Routes lautet die Formel programmatisch.2

Die Betrachtung der eigenen Vielfalt, der bisher beschrittenen Wege, durchwanderten Milieus, Lebenswelten, Zugehörigkeiten und Wohnorte ermöglicht es, die Vielfalt dynamischer und wechselnder Bedeutungszusammenhänge als Grundlage kultureller Identität auch bei anderen zu verstehen. Nur ein kontinuierlicher Austausch (!) zwischen Lehrern, Eltern und Schülern ermöglicht es, dass wir gegenseitig von unseren Lebenssituationen erfahren, sie verstehen und aufeinander eingehen können.

Folgende Reflexionsfragen sind für Lehrer_innen hilfreich:

  • Traue ich allen Schülern/ Schülerinnen etwas zu?
  • Welchen Schüler_innen muten Sie kognitive und soziale Lernprozesse zu/ nicht zu, und warum?
  • Welche Klischees, Stereotype, Vorurteile sind es, die Ihre Wahrnehmung beeinflussen?
  • Gelingt es mir alle Schüler in ihrer Besonderheit anzunehmen?
  • Gegen welche Schüler/Eltern/Kollegen verspüre ich Abneigung?
  • Welche Schüler oder Situationen machen mich aggressiv?
  • An welchen Punkten stoße ich an die Grenze meiner Toleranz?
  • Welche Diskriminierungen kann ich persönlich nachfühlen/ welche sind für mich eher abstrakt?

Pädagogische Ziele

Monokulturvorstellung auflösen!

Gegen die immer noch vorherrschenden Kultur-Stereotype, Nationaldefinition, Wir-im Unterschied- zu-den-Anderen die tatsächliche Transkulturalität erfahrbar machen. Komplexität vermitteln gegen die Bequemlichkeit des Einfachen!

Differenzieren statt polarisieren!

Die Realität ist vielschichtig und komplex. Es gibt keine klaren Grenzen, Zuordnungen. Es gibt nicht nur Mann und Frau, nicht nur behindert und nicht-behindert, nicht nur Deutsche und Ausländer. Klare Kategorisierungen und Normierungen fördern den Ausschluss von Minderheiten. Vielfaltsaspekte (z.B. Homosexualität, Migrationshintergrund etc. ) werden dann als „unnormal“ oder „anders“ von den SchülerInnen wahrgenommen und begründen Abwertungen und Intoleranz.

Abwendung von Kollektiverklärungen – hin zur individuellen Voraussetzungen!

Transkulturelle Bildung sensibilisiert für die Dinge die wirklich zählen. Statt unflexibler kultureller Zuschreibungen (die sind so und so …) werden SchülerInnen und Eltern nicht als Schubladen, sondern als Menschen und einzigartige Persönlichkeiten gesehen. Dass die Herkunftskultur prägend und wichtig ist, wird dabei nicht negiert. Der Herkunftskultur wird allerdings ein anderer Stellenwert zugewiesen. Gefragt wird nicht woher jemand kommt, sondern was ihn prägt.


Identität(en) der SchülerInnen stärken Unterschiede thematisieren3

 

  • Spiegeln Sie die äußeren Merkmale, Besonderheiten und Familienaspekte der SchülerInnen und Familien Ihrer Klasse wider. So erkennt einE SchülerIn sich selbst und sieht sich anerkannt, als dieser Schule/ Klasse zugehörig.
  • Erweitern Sie erst in einem zweiten Schritt das Bewusstsein der SchülerInnen in Bezug auf kulturelle Vielfalt, indem Sie Vielfalt von „außen“ einführen.
  • Beginnen Sie damit, die Gemeinsamkeiten zu finden, bevor Sie Unterschiede ansprechen
  • Machen Sie die Gemeinsamkeiten zwischen allen SchülerInnen deutlich
  • Lassen Sie keinE SchülerIn mit dem Merkmal allein, dass es von anderen unterscheidet
  • Machen Sie SchülerInnen auf Widersprüche aufmerksam, denn dies stimuliert ihr Nachdenken
  • Ermutigen Sie SchülerInnen, über körperliche Merkmale zu sprechen
  • Finden Sie ein gleiches Gestaltungselement, so dass die Unterschiede deutlich hervortreten können und Vergleiche möglich sind: Porträt-Fotos der SchülerInnen im gleichen Format ergeben ein großes Gesamtbild, bei dem die Unterschiede ins Auge springen; die Namen der SchülerInnen auf Kärtchen, jeweils in drei Schriften, laden zum Schriftvergleich ein; SchülerInnen erzählen, was sie am Morgen zuhause zum Frühstück gegessen haben; wie sie den Weihnachtstag verbracht haben etc. …

Multikollektivität vermitteln!

 

Jeder Mensch partizipiert aktiv an vielen Kulturangeboten, die sich gegenseitig durchdringen können. Aus den verschiedenen Kollektivkulturangeboten bildet das Individuum, jeweils im Zusammenspiel mit den eigenen persönlichen Erfahrungen und seinen biologischen Anlagen dynamische Identitäten aus.

Das Verhalten, die Werte und Normen eines Menschen lassen sich nicht allein durch die Herkunftskultur erklären. Oft sind wir stärker durch unser Geschlecht, die soziale Schicht, das Arbeitsumfeld, oder etwa unser Alter geprägt. Darüber hinaus erlebt jeder Mensch täglich in seinem Kopf eine Aushandlung von verschiedenen Kulturen.

SchülerInnen dürfen nicht auf ein Vielfaltsmerkmal reduziert werden (der Russe, die Rollstuhlfahrerin …). Sie sollten sich gegenseitig in der Vielfalt ihrer Unterscheide und Gemeinsamkeiten kennen lernen. Dabei lernen sie, dass Menschen immer auch Dinge teilen, auch wenn sie sich in anderen Aspekten unterscheiden. PädagogInnen müssen dazu die verschiedenen Bezugsidentitäten der SchülerInnen wahrnehmen und anerkennen!

Machen Sie keineN SchülerIn und keine Familie zu Repräsentanten einer ganzen Gruppe!

Einzelne gehören zu Bezugsgruppen, aber sie repräsentieren sie nicht. Seien Sie genau in den Bezeichnungen und Beschreibungen, verallgemeinern Sie nicht. Sagen Sie: „In Honoratas Familie machen sie es so. Honoratas Eltern kommen aus Polen.“ Und nicht: „So leben polnische Familien”4


Kritisch werden gegenüber Einseitigkeiten, Vorurteilen und Diskriminierung

 

Sichern Sie SchülerInnen Schutz zu: Geben Sie den SchülerInnen zu erkennen, dass Sie sich immer an Sie wenden können, wenn sie Hänseleien, Ausgrenzungen etc. erleben. Tun Sie ihre Schutzsuche nicht als „Petzen“ ab, weisen Sie sie nicht ab mit der Aufforderung „die Angelegenheit selbst zu regeln“, denn bei Hänseleien und Ausgrenzung brauchen SchülerInnen in der Grundschule die Hilfe von Erwachsenen.

  • Erarbeiten Sie sich eine klare Position, was an Vorurteilen, Diskriminierung und Ausgrenzung negativ und schädlich ist und warum sie nicht akzeptabel sind.
  • Fordern Sie zum Nachdenken über Fairness und Gerechtigkeit auf
  • Regen Sie SchülerInnen an, über ihre Gefühle zu sprechen
  • Vermeiden Sie Moralisierung und Beschämung
  • Respektieren Sie, dass SchülerInnen erst dabei sind, Normen zu lernen
  • Nutzen Sie Widersprüche, um das kritische Denken anzuregen
  • Greifen Sie bei Einseitigkeiten und Diskriminierung ein – jetzt oder später

Vielfalt bewusst erleben lassen

 

Bringen Sie SchülerInnen in die aktive Auseinandersetzung mit Vielfalt

SchülerInnen eignen sich ein Wissen um Unterschiede handelnd und tätig an, indem sie sich in die Rolle desjenigen begeben, der anders aussieht und anders gekleidet ist als sie. Sie brauchen die aktive und sinnliche Auseinandersetzung mit Vielfalt. Lenken Sie die Aufmerksamkeit der SchülerInnen gezielt auf Unterschiede, indem Sie z.B. Bilder, Filme oder Materialien mitbringen, die unterschiedliche Menschen und Lebensweisen thematisieren.

Beginnen Sie bei der Vielfalt innerhalb der eigenen Gruppe und beziehen sie von da aus weitere Aspekte von Vielfalt ein, in der ganzen Schule, im Umfeld. Halten sie die Reihenfolge ein.

Was die SchülerInnen in Ihrer Gruppe äußerlich unterscheidet, welche unterschiedlichen Vorlieben und Abneigungen sie haben, was sie gerne tun und gut können – all das soll als erstes thematisiert werden. Es bezieht alle SchülerInnen ein, jedes Kind ist besonders, auch seine Familienkultur. Erweitern Sie dann den Erlebensradius der SchülerInnen in Bezug auf Unterschiede: Organisieren Sie Begegnungen mit Menschen, die es in der Schule oder auch in der näheren und weiteren Umgebung gibt und machen Sie zum Thema, was die SchülerInnen dabei erleben.

Ambiguitätstoleranz5 stärken: Helfen Sie SchülerInnenn mit Unwohlsein, Skepsis und Angst gegenüber Fremdem einen konstruktiven Umgang zu finden. Ermöglichen sie Begegnung mit dem Fremden und damit positive Lernerfahrung in Bezug auf unbekannte Menschen.

Wissensebene: über Inputs themenrelevanter theoretischer Konzepte und wissenschaftlicher Ergebnisse sowie durch das Einbeziehen des fachlichen und alltagspraktischen Wissens der SchülerInnen

Ebene des sprachlichen Austausches: durch die Arbeit in verschiedenen Settings und Abstraktionslevels, in Einzelarbeit, Kleingruppen und Plenum

Erfahrungsebene: durch erfahrungsorientierte Methoden, mit denen fachliche und biografische Erfahrungen bearbeitet werden.

Wahrnehmungsebene: mit gestalterisch-pädagogischen Methoden, welche die emotionalen Zugänge, Reaktionen und Befindlichkeiten der Teilnehmenden ansprechen und berücksichtigen

Körperliche Ebene: durch das Einbringen körperbezogener Methoden, die das körperliche Agieren und Ausdrücken von Gefühlen und Dynamiken einbeziehen ( z.B. Theater- und Rollenspiele).


Lernumgebung und Materialien

 

  • Alle SchülerInnen der Schule sind mit Fotos repräsentiert.
  • Man sieht und erkennt, was einzelne SchülerInnen interessiert und womit sie sich beschäftigen.
  • Man sieht, was SchülerInnen gebaut, konstruiert und hergestellt haben.
  • Es finden sich Hinweise auf die Familiensprachen aller SchülerInnen.
  • Bücher, Bilder, Arbeitsmaterialien und CDs thematisieren wiederholt Mädchen und Jungen, Männer und Frauen, Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarben sowie SchülerInnen und Erwachsene mit Behinderungen. Sie sind dabei auch immer wieder bei Tätigkeiten wahrzunehmen, die nicht den Rollenklischees und anderen Zuschreibungen entsprechen.
  • Die Bücher sollen anregen, kritisch über Vorurteile und Diskriminierungen nachzudenken.
  • Sie sollen angeregt werden, ihren Horizont zu erweitern und etwas über die Vielfalt von Lebensgewohnheiten zu erfahren.
  • Die Bücher sollen SchülerInnen helfen, ihren „Gefühls-Wortschatz“ zu erweitern.
  • Die Bücher sollen Beispiele enthalten, die Mut machen, sich gegen Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten zu wehren.

Linksammlung für die diversitätsbewusste pädagogische Arbeit in der Schule

 

MORE THAN CULTURE: Wunderbare Einführung von Jugend für Europa zum Grundverständnis von Diversität, Vielfältige Zugehörigkeiten, Schubladen, Zuschreibungen und Diskriminierung und mit Tipps und Methoden für die pädagogische Praxis MORE THAN CULTURE Diversitätsbewusste Bildung in der internationalen Jugendarbeit

Diversitätsbewusste (internationale) Jugendarbeit: Gute Einführung in die verschiedenen Ansätze der diversitätsbewussten Jugendarbeit. Die Veröffentlichung von transfer e. V. ist besonders für die internationale Jugendbildung interessant, da hier zeitgemäße Ansätze und Praxiserfahrungen für eine diversitätsbewusste Bildungsarbeit aufgezeigt werden. Diversitätsbewusste (internationale) Jugendarbeit. Eine Handreichung

Zugehörigkeit(en) neu denken: Die Webseite erzählt über kurze Video-Interviews Geschichten von Zugehörigkeiten, bzw. lässt Menschen aus den Großstädten Berlin und New York über ihre Identitäten sprechen. Die Videosammlung ist eine großartige Quelle für die Seminar- und Bildungsarbeit der diversitätsbewussten Bildung. http://reimaginebelonging.de

Toolbox Interkulturelles Lernen auf DIJA.de. Mit Methoden und Literatur & Links zum Interkulturellen Lernen in internationalen Kontexten von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.: www.dija.de/ikl/

Methodenkasten für internationale interreligiöse Jugendarbeit, von 14km e.V., 2015: http://14km.org/relixchange/methodenkit/

Rassismus (in der Schule) thematisieren: Broschüre zu Hintergründen und Methoden http://www.internationale-wochen-gegen-rassismus.de/wp-content/uploads/15_01_28_BHP_IKR_GEW_Unterricht_neu.pdf


Hier gibt es eine weiterführende Liste mit Literatur und Links zu verschiedenen Vielfaltsaspekten als PDF

 


  1. Kupzok, Ken (2011): Die Mühen des Gemeinsamen – Transkulturelle Bildungsarbeit näher bestimmt, in: Ethik und Unterricht – Zeitschrift für die Fächergruppe Ethik / Werte und Normen / LER / Praktische Philosophie 09/2011.
  2. Hall, Stuart: Who Needs Identity?, in Hall, Stuart/Du Gay, Paul (Hrsg.): Questions of Cultural Identity. London, 1996. Online in seiner Dankesrede zur Preisverleihung des „Routes – Princess Margriet Award‘ for Cultural Diversity“ der ‚European Cultural Foundation‘ 2008 http://www.eurocult.org/uploads/docs/1148.pdf
  3. Die folgenden Zusammenstellungen sind frei zitiert aus: Kinderwelten Informappe4, Januar 2006, zu finden unter: www.kinderwelten.net
  4. Kinderwelten Information zu Ziel2 – Umgang mit Vielfalt, Januar 2006
  5. Ambiguitätstoleranz (v. lat. ambiguitas „Zweideutigkeit“, „Doppelsinn“), teilweise auch als Unsicherheits- oder Ungewissheitstoleranz. Nach Stanley Budner ist eine ambiguitive Situation definiert durch das Fehlen von ausreichenden Hinweisen und charakterisiert durch Neuheit, Komplexität und Unlösbarkeit. Ambiguität ist das Gefühl des partiellen Kontrollverlustes, kurz, der Befremdung. In unserem Leben lösen alle Formen von Wandlungen (neue Situationen, neue Orte, neue Menschen) diese Befremdung aus. Oft sind für uns damit Unsicherheit, Unwohlsein und Stress verbunden. Dabei bieten gerade diese Ambiguitätsmomente ein sehr hohes Lernpotential. Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz sind auch in neuen, unstrukturierten und schwer kontrollierbaren Situationen fähig, Abweichungen von gewohnter Normalität oder unerwartete Reaktionen und Handlungen zu akzeptieren, statt als Bedrohung zu empfinden und bleiben dadurch handlungsfähig. (Vgl.dazu: Barbara Hatzer und Gabriel Layers (2005): Interkulturelle Handlungskompetenz, in: Alexander Thomas, Eva-Ulrike Kinast und Sylvia, Schroll-Machl (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation, Band 1: Grundlagen und Praxisfelder, Göttingen, S. 138–148.