Interkulturelle Begegnungen im Klassenzimmer: Chancen – Herausforderungen – Ansätze

Einleitung: Riesen-Thema – für ganzes Semester … können wir heute nicht abarbeiten, aber wichtige Begriffe klären/einführen und Impulse geben, wie ihr euch selbst weiterbilden könnt …

zur Motivation: ich bin mir sicher, dass das Thema in der Zukunft unglaublich wichtig wird und darin, geschult sind werden händeringend gesucht werden!

Im wesentlichen heute das machen, was Lehrer*innen so gerne tun: Hausaufgaben aufgeben … du zwar ca. 55 Minuten + Fragen u. Diskussion

Einführung: Lehrer*innen in der Migrationsgesellschaft

Warum besprechen wir heute ein absolut brennendes Thema, ein Top-Thema für Lehrkräfte?

Migrationsgesellschaft:

21% der Deutschen hat einen Migrationshintergrund. Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.

Jugendliche/Schüler:

Elf Millionen Schüler werden derzeit in Deutschland unterrichtet – jeder zehnte ist Ausländer (keine deutsche Staatsbürgerschaft), jeder dritte hat einen Migrationshintergrund. Das geht aus vorläufigen Zahlen für das Schuljahr 2017/2018 hervor, die das Statistische Bundesamt aktuell veröffentlichte

In über 80% der Klassen in Deutschland gibt es, nach der BIKS-3-8-Studie, Kinder mit Migrationshintergrund. Durchschnittlich liegt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei 32 Prozent, er schwankt aber stark in den einzelnen Klassen, und zwar von 4 Prozent (ländlicher Ruam) bis hin zu 96 Prozent (Großstädten) …

Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund sei in den Schulen unterschiedlich hoch: Im Grundschulalter liegt er bei 36 Prozent, in der Mittelstufe bei 33 Prozent und in der Oberstufe bei 26 Prozent. An den Hauptschulen (51 Prozent) erheblich höher als an Gymnasien (27 Prozent).

Trend …

Die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund wird voraussichtlich in Zukunft noch weiter steigen. In fast allen deutschen Großstädten haben über 50% Kinder unter 6 Jahren Migrationshintergrund. In Frankfurt und Offenbach sogar fast 70%.

Schule: Klassenraum-Mikrokosmos, der die Gesellschaft wiederspiegelt. Palim Palim, die Tür geht auf … die Gesellschaft kommt rein … in all ihrer Vielfalt …Es gibt nur noch eine Parallelgesellschaft, die nach wie vor noch wenig Herkunftsbedingte Vielfalt aufweist: das Lehrer*innenzimmer…

Lehrer*innen: Die Zahlen der schulrelevanten Altersgruppen zeigen, dass Migration mit all ihren Chancen und Herausforderungen im Schulalltag eine immer große Rolle spielt. (Angehende) Lehrkräfte sollten sich daher besonders intensiv mit den Ansätzen der Migrationspädagogik beschäftigen.

Multikollektivität & Vielfalt in der Klasse (aktueller Forschungsstand bzgl. kultureller Prägungen)

Interkulturelle Begegnung im Klassenzimmer?

PrimärkollektivitätàMultikollektivität

Schaut man sich die Verwendung des Wortes „Kultur“ heute an, so ist leider festzustellen, dass es überwiegend gleichgesetzt wird mit Herkunftskultur. Die Kultur eines Menschen wird abgeleitet  von dem Land, aus dem ein Mensch kommt. Natürlich ist auch mal von muslimischer Kultur, Jugendkultur oder Betriebskultur zu lesen. Wenn es aber konkret wird und es um Begegnung oder Befremdung geht, scheint vor allem das Herkunftsland ausschlaggebend.

Das Problem ist nicht, dass National- und Herkunftskulturen bei einer zwischenmenschlichen Begegnung keine Rolle spielen, sondern dass diese Rolle oft maßlos überschätzt und künstlich aufgeblasen wird. Daraus ergeben sich folgende Probleme:

  • andere wichtige Prägungen des Menschen werden übersehen
  • Menschen landen in Schubladen
  • Menschen werden als „fremd“ und „anders“ markiert und damit separiert
  • die Begegnung und der Zugang zu einander werden erschwert

Kulturbegriff à jede soz. Gruppe kultiviert ein Regel- und Orientierungssystem

àMultikulturelle Prägung: Jeder ist Teil vieler Gruppen

Um zu verstehen, wie Menschen denken, fühlen und handeln reicht ein Blick in dein eigenes Leben. Wer oder was prägt(e) deine Werte, deinen Glauben, deine  Beziehungen, dein Verhalten?

Vielleicht  war deine Familie prägend, dein Kindergarten, der Ort, in dem du aufgewachsen bist, der Fußballverein oder die Kirchengruppe, ein wichtiger Lehrer, eine intensive Partnerschaft, deine Ausbildung, dein Beruf, die Mitgliedschaft in einem Verein oder einer Partei, dein Freundeskreis … ?

Natürlich haben auch unser Land und unsere Muttersprache uns geprägt. Und ob wir wollten oder nicht, wirkten auch unser Geschlecht, unsere Hautfarbe, Größe und körperlichen Fähigkeiten prägend und formend auf unsere Identität, unsere Beziehungen und unser Verhalten.

Wir sind gleichzeitig Teil vieler Gruppen, von der Kleinfamilie über die örtliche Pfadfindergruppe bis zu globalen Gruppen (z.B. einer Weltreligion) und auch virtuellen Communities.   Alle diese Gemeinschaften  (auch Kollektive genannt) haben einen Einfluss auf unsere täglichen Verhaltensweisen.

Wir sind somit nicht ausschließlich durch unsere Herkunft geprägt. Vielmehr verhindert die Reduktion auf Herkunft, den Menschen in seiner Individualität und Ganzheit anzuerkennen.

àTranskulturalität

àHyperkulturalität (weitere Kulturkonzepte)

àinnere Vielfalt der Kulturgruppen

Diversity (everybody is different, everybody can be discriminated against)

Differenzlinien in der Klasse àAchtung Kulturalisierung!

Zusammenfassung Kultur & Prägung:

  • Benutze Kultur nur in der Mehrzahl
  • Es begegnen sich immer Menschen – keine Kulturen!
  • Frage nicht, woher jemand kommt, sondern was ihn prägt!
  • Kulturen sind in sich vielfältig!

 

Inter-, trans-, hyperkulturelle Begegnung – ist Begegnungskompetenz trainierbar?

Interkulturelle Begegnung – Transkulturelle Begegnung – Begegnung

Fragen ins Publikum (was macht interk. kompetent?) Bsp. Geschichte: Torsten China

Begegnungskompetenz: In der umfangreichen Literatur über interkulturelle Kommunikation und Kompetenz ist eine Tendenz zur einseitig kulturalistischen Betrachtung festzustellen. Das heißt, die speziellen Schwierigkeiten interkultureller Verständigung werden meist allein auf die Differenz der kulturellen Codes zurückgeführt. Prüfen man aber genauer, was alles in einer Begegnung von zwei Menschen bestimmend ist, muss man weitere Dimensionen berücksichtigen.

Fünf Dimensionen:

  • Kulturelle Differenzen (verschiedene kulturelle Verabredungen Bsp. Blickkontakt Lehrer*in)
  • Normalität
  • Kollektiverfahrungen
  • Machtasymmetrien
  • Fremdbilder

 

  • Kulturelle Differenzen
  • Kollektiverfahrungen àgegen das Phänomen der Kulturalisierung

Vorsicht: Kulturalisierung!

Bana’s Frühstück

Beim Sommerlager wird Bana gefragt, ob sie überhaupt Brot zum Frühstück isst? Als sie verneint, wird ihr vorgeschlagen, am nächsten Tag doch mal für alle ein typisch syrisches Frühstück zuzubereiten.

Die Annahme der Leitung: Bana kommt aus Syrien, dort gibt es sicherlich ganz andere Dinge zu Frühstück. Bana ist irritiert, willigt aber ein. Sie ruft ihre Eltern an und fragt nach einem traditionellen Rezept, schließlich isst sie selbst morgens immer Müsli.

Die Gruppe findet das „syrische Frühstück“ lecker. Die Leitung ist zufrieden. Zuhause erzählen die in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen, dass die Menschen aus Syrien ganz anders frühstücken.

Leider wird immer noch von einem Land auf eine Person und ihr Verhalten geschlossen. Das nennt man Kulturalisierung.

Besser: Frage nicht woher jemand kommt, sondern, was ihn oder sie prägt!

Bana ist in der Mittelschicht von Damaskus aufgewachsen. Ihre Mutter, eine Ärztin, hat immer Wert auf gesunde Ernährung gelegt. Seit sie klein ist, gab es viel Obst zum Frühstück. Als Studentin hat sie diesen Lebensstil beibehalten, aus Zeitgründen isst sie vor allem Müsli am Morgen. Seit sie in Deutschland isst probiert sie gerne verschiedene Sorten durch.

Wir alle haben verschiedene Frühstücksgewohnheiten entwickelt. Für das Sommerlager sicherlich ein gutes Thema. Eine gute Aufgabe wäre, wenn Jede/r gebeten wird, einen Tag sein/ihr alltägliches Frühstück vorzustellen. Wann frühstücke ich? Was esse und trinke ich? Wie esse ich (am Tisch, auf dem Weg)? Mit wem esse ich?


 

  • Machtasymmetrien: fast alle Beziehungen sind durch Machtasymmetrien gekennzeichnet, Macht lässt sich definieren durch ein Mehr an Handlungsmöglichkeiten aufgrund von sozialer Stellung, rechtlichem Status, besserer sozialer Netzwerke, Mehr an Wissen oder besserem Zugang zu Informationen, nicht zuletzt besserer Beherrschung der geforderten Sprache …

à Rolle (Lehrerin beendet die Stunde), Herkunft (hier wird Deutsch gesprochen …) leider noch ein Unterschied, ob eine Schülerin Muslima oder Christin ist (also Teil der Mehrheits- oder Minderheitsgesellschaft àBewusstsein für die Auswirkung des jeweiligen Machstatus für die Beziehung/Kommunikation

 

  • Fremdbilder: (Bilder von Anderen steuern unsere Erwartungen und Erwartungserwartungen (Der Andere denkt sicher, dass ich …). Bsp. stereotype threat:

Lehrkräfte erwarten für Kinder mit Migrationshintergrund etwas geringere Leistungen, auch wenn deren Leistungen faktisch gleich hoch sind. Das bestimmt ihr Verhalten im Unterricht und kann sich dadurch auf die Leistungszuwächse dieser Kinder auswirken. Wenn Schülerinnen und Schüler wahrnehmen, dass sie zu einer negativ stereotypisierten Gruppe gehören, erbringen sie tatsächlich schlechtere Leistungen als ihre  Mitschülerinnen und Mitschüler, die sich nicht so wahrnehmen. Zudem sind sie dann oft weniger motiviert und wenden sich eher von der Schule ab.

  1. Stereotype und Vorurteile Teil der (oft) unbewussten Einstellungsbildungànotwendig (unser Gehirn kategorisiert und denkt leider in Schubladen) aber fehlerhaft + diskriminierend
  2. Stereotypen und Vorurteile nicht rein individuell, sondern gesellschaftlich überliefert und vermittelt

Ambiguität

Ambiguitätstoleranz

Fähigkeit der Herstellung von „Normalität“/ergebnisoffenes Aushandeln v. Regeln (Interk. Mau Mau)

Reduktion von Komplexität

Kompetenz vers. Fähigkeit à aktives Trainieren von Strategien in fremden Regelsystemen (gegen Widerstand unseres Gehirns neues ausprobieren!)

 

 

Chancen & Herausforderungen von sprachlicher, religiöser und kultureller Vielfalt

Ansätze & Handwerkszeug für das Klassenzimmer unter: kulturshaker.de/klassenzimmer

 

(Herkunfts-)kulturelle Vielfalt 10′

àChance

àHerausforderungen

  • Thematisieren von: Individualität – Gemeinsamkeiten – Unterschieden

Ansätze: Diversity, Diversitätsbewusste Pädagogik

Ressourcen:

Rudolf Leiprecht/Anne Kerber (Hrsg.): Schule in der Migrationsgesellschaft. Bd. I: Grundlagen – Differenzlinien – Fachdidaktiken; Bd. II: Sprache – Rassismus – Professionalität, Debus Pädagogik 2015

Literatur & Links zu verschiedenen Vielfaltsaspekten in der Schule (PDF)

Handreichung zu den Themen Migration, Rassismus, Zugehörigkeit und Identität

Materialien und Module zu Vielfalt im Klassenzimmer

Handreichung zu Diversity in Kinder- und Jugendarbeit

 

  • (Gruppenkultur) Teambuilding àLehrer*in als Teamleiter

Ansätze&Ressourcen

  • Umgang mit eigener Befremdung/Vorurteilsbewusstsein (ggü.Schülern+Eltern)

àWeise Interventionen: psychologische Interventionen die Lernmotivation und die Schulleistungen benachteiligter Schülerinnen und Schüler erheblich und nachhaltig verbessern und damit dem Prozess eines stereotype threat entgegenwirken: Selbstbestätigungsinterventionen können nach Studien die Leistungslücke zwischen schwarzen und weißen Schüler*innen um bis zu 40 Prozent verringern.

 

àVorurteilsbewusstsein

-Traue ich allen Schülern/ Schülerinnen etwas zu?

-Welchen SchülerInnen muten Sie Lernprozesse zu/ nicht zu, und warum?

-Welche Stereotype beeinflussen Ihre Wahrnehmung?

-Welche Diskriminierungen kann ich nachfühlen/welche sind abstrakt?

Einstellungsbildung

Studie: Vielfalt im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte gute Leistung fördern können

  • Umgang mit Konflikten
  • Umgang mit Zuschreibungen & Diskriminierungen

Themen: Stereotype, Vorurteile, Diskriminierung, Rassismus, Intersektionalität

Ansätze: Anti-Bias, Antidiskriminierungsarbeit, Social Justice, Rassismuskritische Bildung, ciritical whiteness, Empowerment …

 

Ressourcen:

 

 

 

Mehrsprachigkeit 5′

àChance

àHerausforderung

  • (positiver) Umgang mit Mehrsprachigkeit, Ansprüche an das Lernsetting Zeit/Gruppe/…
  • Sprachenvielfalt anerkennen und aufzeigen

Ansätze&Ressourcen

 

 

Religiöse Vielfalt 5′

àChance

àHerausforderung

Pädagogisches thematisieren von Glauben/Religion/Religiöser Praxis

Umgang mit religiösen Bedürfnissen

Ansätze&Ressourcen

ufuqu

https://www.dija.de/toolbox-religion

 

Links & Vertiefungsmöglichkeiten unter: kulturshaker.de/klassenzimmer

 

Abschlussbemerkung (Merksatz):

Hoffe der Vortrag hat neue Türen aufgezeigt und aufgestoßen … Lust gemacht, motiviert für eine neue zeitgemäße Pädagogik der Vielfalt

 

Eröffnung der Fragerunde + Diskussion