Wörter mit Migrationshintergrund

Die Sprache ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. In der Sprache zeigen sich sowohl die kulturellen Einflüsse einer Zeit oder Epoche als auch Macht- und Mehrheitsverhältnisse. Oft zeugen die Wörter aber selbst von der Herkunft der bezeichneten Tatsache. Wörter eignen sich aus sehr gut für die Vermittlung von Transkulturalität bzw. Migrationspädagogik. Sie zeigen deutlich, wie vielfältig zusammengewandert und durchdrungen, durchflossen diese “deutsche” Sprache und Kultur ist.

Wörter als Spuren

Mit den Wörtern kamen oft die Dinge. So können uns Wörter auch zeigen, aus welcher Richtung neue Dinge in die hiesigen Gegend gekommen sind, oder welche Menschengruppen sie zu uns gebracht haben.

Wörter aus dem Amazonas

Es gibt im Deutschen auch Worte, die im Zuge des Handels mit exotischen Früchten und Tieren aus sehr weit entfernten Gegenden zu uns kamen. Sie stammen von den Tupi, einer Ethnie aus dem Amazonasgebiet. Die Wörter aus ihrer Sprache (Guaraní) kamen über das Spanische und Portugiesische ins Deutsche, zum Beispiel: Jaguar (Dschungelhund), Ananas (gut riechende Frucht), Maniok, Maracuja (Pflanze die Früchte gibt), Piranha (Zahn-Fisch), Kaschu/ Cashew (Nierenbaum).

Griechische Bezeichnungen

Aus dem griechischen sind viele Begriffe aus der Philosophie und Wissenschaft übernommen: Demokratie, Anarchie, Atom, Anatomie, Epidemie (epi=über, demos=das Volk, über das Volk verbreitet).

Latein

Mit den Römern und dann spätestens mit der römisch-katholischen Kirche, kam auch das Latein als Kirchen- und Gelehrtensprache in das Gebiet des heutigen Deutschlands. Latein war damals, wie Englisch heute. Eine internationale Verkehrssprache, die man in allen Gelehrten und kirchlichen Kreisen Europas verstehen konnte. Bis heute lehrt man an der Uni (besonders im medizinischen, historischen und juristischen Fakultäten) die Sprache der alten Römer aus Italien. Die Sprache war über Jahrhunderte eine wichtige Zweitsprache neben dem Deutsch. Heute stammen daher viele Wörter der deutschen Sprache aus dem Latein. Fast alle Wörter z.B., die die Endung –ion tragen: Kommunikation, Information, Direktion, usw. …
Latein (2)

Jüdische Einflüsse

Viele hebräische Wörter prägen die christliche Sprache in Deutschland. Sie sind meist über Griechenland in das Deutsche eingeflossen. Das Schlusswort beim Gebet etwa, Amen אמן (amen) „So sei es.“, kam über die griechische Sprache aus dem Hebräischen. Oder Halleluja הַלְּלוּיָהּ hallelu (jah) bedeutet „Preiset Jah(we)! Der Messias משיח (maschiach) „Gesalbter“ ist abgeleitet vom Verb mạšaḥ „salben“. Im Griechischen wurde daraus wörtlich übersetzt christos, daraus lat. christus. Bekannt ist auch das hebräische Wort Sabbat שבת (schabbat) „Ruhepause“. Aus dem hebräischen Schabbat (dem jüdischen Wochenendfeiertag) wurde über das volksgriechische Sambaton und daraus schließlich der deutsche Samstag. Nicht liturgisch geprägt, aber auch aus dem hebräischen, stammt das Wort Tohuwabohu תהו ובהו (tohu wabohu) „wüst und wirr“.

Juden gehören seit Jahrhunderten zur deutschen Einwanderungsgesellschaft. Ihre Sprache, das Hebräische, hat sich mit verschiedenen slawischen und deutschen Einflüssen zu einer eigenen Sprache, dem Jiddisch entwickelt. Aus dem Jiddischen stammen deutsche Worte, wie Bammel, Geschlaucht (von schlacha „zu Boden werfen“, erschöpft sein), Kaff( kafar = „Dorf“), Kotzen (qoz „Ekel“), Schlamassel (Schlimasel, Unglück; Gegenstück zu „Massel“=Glück), Techtel-mechtel, Zoff (zores, „Sorgen“, kommt auch vor in der Wendung „(gib ihm) Saures“

Wörter erzählen Wandergeschichten

Viele Wörter zeugen von der Wandergeschichte von Errungenschaften. Der Name Orange z.B. kommt über das Altprovenzalische auranja und Spanisch naranja aus dem Arabischen nārandsch, das seinerseits über das persische nārendsch und Sanskrit nāranga auf ein südindisches Wort (vgl. Tamil nāram). Oder das Wort „Zucker“ z.B. stammt ursprünglich aus dem Sanskrit-Wort शर्करा (śarkarā) für „süß“, das als sukkar (‏سكر‎, verb: sakkara) ins Arabische entlehnt wurde und von dort in den europäischen Sprachraum gelangte.

Arabische Wörter

Worte (und damit oft die Dinge) die aus dem arabischen Raum zu uns gekommen sind und die wir noch heute benutzen: Alkohol, Atlas , Almanach, (Al)Chemie, Haschisch, Droge, Matratze, Gitarre , Sakko, Benzin, Kümmel Kamera.

Romanes

Die Sprache der Sinti und Roma, das Romanes, stammt aus Indien und ist eng mit dem Sanskrit verwandt. Auch hier gibt einige Wörter, die ins Umgangsdeutsche übergegangen sind: Bock im Sinne von „Lust, etwas zu tun“ von bokh „Hunger“, Zaster „Geld“ von saster „Eisen/ Metall“, Kaschemme „heruntergekommene oder übel beleumundete Gastwirtschaft“ von kačima (wertfrei), Gastwirtschaft“ und Schund „wertloses, verachtenswertes Zeug“ von skånt oder skunt „Kot/ Dreck/ Schmutz“

Italienische Bereicherungen

Das Bankwesen ist bekanntlich in Italien entstanden, bis heute haben wir in diesem Bereich vor allem italienische Wörter: Bank, Konto, Saldo, Dispo, Giro(-konto), Skonto, Kredit usw. Auch die Einflüsse der klassischen (Opern-) Musik aus Italien haben bei uns italienische Wörter geprägt: adagio, andante, moderato, piano, Tenor, Dirigent, Konzert, usw.
Französischer Einfluss ... Friseur kommt aus dem frz. von friser, kräuseln

Englische Einflüsse

In unserer Sprache haben wir heute sehr viele englische Worte. Viele kommen allerdings erst aus der Zeit, in der Amerika eine wichtige kulturelle Rolle spielte. Seit dem 19. Jh. in unserer Sprache sind z.B. die englischen Worte: Pullover, Gentlemen, Training, Match, Start, Hockey. Viele Wörter kommen auch aus dem Sport, weil aus England viele moderne Sportarten stammen: Fußball, Rugby, Tennis, Tischtennis, Dart, usw.

Heute stammen die meisten neuen Begriffe aus dem sich schnell entwickelnden Bereich von Computer und Internets auch aus dem Englischen: flatscreen, scrollen, mouse(-pat), web-site, cloud, server, motherboard, USB-Stick, Desktop, online, usw. …

Anglizismen

Sprachwissenschaftliche Untersuchungen der Universität Bamberg stellen anhand von Material aus der Zeitung Die Welt eine Zunahme von Anglizismen in der deutschen Sprache fest. So hat sich in zehn Jahren (1994–2004) die Verwendung von Anglizismen bei Substantiven verdoppelt, die Anzahl der Verben ebenfalls zugenommen, auch Adjektive sind häufiger geworden, sterben jedoch auch schnell wieder aus.

Heute ist Englisch sogar so prägend und „modern“ dass sich auch viele Scheinanglizismen gebildet haben, Wortschöpfungen, die es im englischen selbst gar nicht gibt: so z B. im Deutschen „Handy“, „Basecap“ oder „Service Point“. Das Wort „Oldtimer“ etwa benennt im Deutschen als Scheinanglizismus ein altes Auto (engl.: vintage car, veteran car oder classic car), während es im Englischen generell einen alten Menschen (vergleichbar unserem scherzhaft verwendetem „Oldie“) bezeichnet.

Kritik und Sprachpurismus

2008 störten sich in einer Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache 39 % der Befragten an Lehnwörtern aus dem Englischen. Statistik: Welche Folgen hat die häufigere Verwendung englischer Wörter? | Statista

Ähnliche Kritik gab es schon ab Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber aus dem Französischen, Lateinischen oder Griechischen stammenden Begriffen. Vereine wie der Allgemeine Deutsche Sprachverein versuchten im Rahmen des deutschen Sprachpurismus, diese Begriffe durch deutsche zu ersetzen. So sind französische, lateinische oder griechische Fremdwörter durch Ersatzbildungen ersetzt worden, z. B. Fahrkarte für Billet, Abteil für Coupé und Bahnsteig für Perron. Im Postwesen wurden auf Geheiß Bismarcks vom Generalpostmeister Stephan über 700 französischsprachige Begriffe durch deutsche Neuschöpfungen ersetzt.

Wortschatz

Im Deutschen gibt es den schönen Ausdruck: Wortschatz. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass dieser Wortschatz wirklich wertvoll ist. Er ist nicht etwas, was wir konservieren und wegschließen sollen. Sprache ist immer etwas lebendiges und muss sich daher verändern. Immer wieder werden wir Worte verlieren und andere dazubekommen. Worte mischen und durchdringen sich. Schauen wir auf die sogenannte deutsche Sprache, dann sehen wir, wie bunt dieser Wortschafts ist, wie vielfältig die Herkunft seiner Teile!