Erwachsene halten sich oft allein aufgrund ihres Alters für intelligenter, kompetenter, schlicht besser als Kinder und Jugendliche und setzen sich daher über deren Meinungen und Ansichten hinweg. 1

Adultismus heißt diese Form der Ungleichbehandlung. Es ist oft die erste Diskriminierungsform, die Menschen erleben und eine der wenigen, die grundsätzlich alle in den Jugendjahren selbst erfahren können. Adultismus ist eine Form von Altersdiskriminierung, in diesem Fall die der jungen Menschen.

Der Begriff „Adultismus“ leitet sich von dem englischen Begriff „adult“ für „Erwachsen“ ab und benennt das ungleiche Machtverhältnis zwischen sogenannten Erwachsenen und Kindern und Jugendlichen. Für die Abwertung von Jugendlichen kann man auch den noch spezielleren Begriff „Epiphanismus“ verwenden.

Wo findet sich Adultismus?

Adultismus kann sich überall dort finden, wo Kinder und Jugendliche auf Erwachsene treffen. Das kann in der Familie sein, aber auch im Kindergarten, der Schule, der Jugendarbeit und in der Öffentlichkeit. Hier haben Erwachsene oft mehr Macht und Möglichkeiten ihren Willen und ihre Interessen durchzusetzen.

Wie äußert sich Adultismus?

Beispiele für adultistisches Verhalten reichen von offensichtlichen Formen wie körperlicher Gewalt, Bestrafung und lauter Beschimpfung bis hin zu versteckteren Formen wie ungefragtes Belehren, Beschämen, Unterbrechen, Belächeln, Liebesentzug, Schuldzuweisungen und Gesprächen oder Blicken der Erwachsenen untereinander in Bezug auf Kinder und Jugendliche. 2

Typische verbale Äußerungen von Erwachsenen, gegenüber Kindern oder Jugendlichen, die auf eine adultische Haltung verweisen sind z.B.:

Das ist nichts für Kinder; Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt; Mach nicht so ein Theater, Erzähl nicht solchen Unsinn; Geh in dein Zimmer; Ich warne dich; Mein liebes Fräulein; Keine Widerrede; Ab ins Bett; Das werde ich deinen Eltern erzählen; Stell dich nicht so an; Finger weg; Muss ich dir alles dreimal sagen?

Auswahl aus Übersicht von Elternsprüchen von Mike Weimann.

Diese und ähnliche Äußerungen gegenüber Kindern und Jugendlichen zeigen ein deutliches Machtgefälle und würden wohl kaum gegenüber anderen Erwachsenen verwendet. Die Äußerungen skizzieren auch, dass Erwachsene für junge Menschen Regeln machen, die sie selbst aber nicht befolgen.

Hier eine Übersicht von Privilegien, also Vorrechten, die Erwachsene oft genießen, während sie vielen Kindern und Jugendlichen verwehrt sind:

Das Bild benennt viele Privilegien Erwachsener, wie z.B. "Ich darf wählen!"

Wie in der Übersicht schon erwähnt, gibt es sogar Gesetze, die Kindern und Jugendlichen weniger Rechte einräumen. Besonders prominent ist hier das Wahlrecht, welches je nach Wahl oder Bundesland erst ab 18 oder 16 Jahren gewährt wird. Hier wird oft unterstellt, dass Jugendliche unter 18 Jahren nicht in der Lage sind, eine reflektierte Wahlentscheidung zu treffen. Verschiedene Studien und die hochgradig besetzte Kommission zur Reform des Bundeswahlrechts und zur Modernisierung der Parlamentsarbeit haben diese adultistischen Vorurteile mittlerweile eindrucksvoll widerlegt.3

Außerdem sind Häuser und Räume an die Körpergröße von Erwachsenen angepasst. Kinder werden so bei der Nutzung von Treppen, Stühlen, Toiletten, Lichtschaltern, Türklinken usw. behindert und benachteilig. Die Normen und Form der Gestaltung unserer Alltagswelt verstärkt dadurch die Abhängigkeit junger Menschen.

Als subtilere Normen, mit denen Erwachsene Kinder und Jugendlichen abwerten, benennt die Adultismus Trainerin Manuela Ritz aber auch Haltungen und Werte, die das Verhalten der sogenannten Erwachsenen als besser, oder wichtiger bewerten:

  • Vernunft ist besser als Emotionalität
  • Wissen ist wichtiger als Fantasie
  • Gesunder Menschenverstand ist besser als Träumen
  • arbeiten ist besser als spielen
  • usw.

Auch im Sprachgebrauch findet sich Adultismus. Wörter mit „Kind“ sind oft mit negativen Konnotationen verbunden, wie z.B. eine „kindliche“ Stimme, Kindskopf etc.. Das Wort „kindisch“ wird z.B. durchweg als negativ verstanden und dient zur Abwertung des so bezeichneten Verhaltens.

Kindersilouette mit gesenkem Kopf. Roter Erwachsener dahinter, der seine Hände ausstreckt.

Adultismus – Diskriminierung als Norm vermitteln

Eine der vielleicht weitläufigsten und gefährlichsten Auswirkungen von Adultismus ist, dass er die Grundlage für verschiedene weitere Diskriminierungsarten bildet.

Kinder lernen früh –und zwar von den Menschen, die sie lieben – dass Unterdrückung in Ordnung ist.4

Durch das scheinbar so normale hierarchische Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, lernen junge Menschen von Anfang an, „dass es „normal“ ist, dass es ein „Oben“ und ein „Unten“ gibt und dass es erstrebenswert ist, „oben“ zu sein“. Dieses Schema der Ungleichwertigkeit kann dann dazu führen, dass auch andere Formen der Diskriminierung nicht als Problem wahrgenommen werden und dass dieses Muster dann auf andere Gruppen übertragen und angewandt wird.5

Was kann ich gegen Adultismus tun?

Wichtig ist vor allem, die eigenen Vorteile und den Einfluss gegenüber Kindern und Jugendlichen zu reflektieren, um mit der eigenen Macht verantwortungsvoll umzugehen. Dazu gehört auch das bewusste Abgeben von Macht, in dem Kinder und Jugendliche in ihrer Lebenswelt mitentscheiden dürfen.

Die Bedürfnisse, Perspektiven und Kompetenzen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen können sich unterscheiden. Häufig geht es auch um den Schutz von Kindern und Jugendlichen, z.B. wenn das Jugendschutzgesetz die Abgabe von Alkohol an Minderjährige untersagt.

Manches können Kinder oder Jugendliche tatsächlich noch nicht – hier brauchen sie Hilfe. Die Kunst besteht allerdings darin, zu erkennen, ab wann sie es doch selbst können.

Auf der anderen Seite können „Erwachsene“ aber Dinge nicht mehr – wo sie die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen benötigen. Familien, Schule und Jugendarbeit tun gut daran, die spezifischen Potentiale und Perspektiven von Kindern- und Jugendlichen wahrzunehmen und zu nutzen.

Kinder und Jugendliche können oft mehr, als ihnen zugetraut und zugestanden wird. Folgende Reflexionsfragen können hilfreich sein, um als „Erwachsener“ zu erkennen, ob es bei dem eigenen Verhalten um Schutz und Fürsorge, oder um Macht geht:

  • Welche Regeln gelten für Kinder, die für Erwachsenen nicht gelten? Und warum?
  • Dient mein Verhalten wirklich dem Schutz eines jungen Menschen, oder ist es so vor allem einfacher und bequemer?
  • Stehen Sanktionen wirklich im Zusammenhang mit einem Problem oder soll es vor allem eine Strafe für unerwünschtes Verhalten sein?
  • Welche Möglichkeiten gibt es für Kinder und Jugendlichen die Regeln zuhause, in der Kita, in der Schule oder im Jugendzentrum mitzubestimmen?

Mit diesen Fragen begibt man sich auf einen Weg, den Manuela Ritz als „Schritte zum kritischen Erwachsenen“ bezeichnet.

Schritte zum kritischen Erwachsenen

Manuela Ritz formuliert „30 Schritte zum kritischen Erwachsenen“.6

Die ersten vier Schritte lauten:

  1. Mach dir bewusst, dass du erwachsen bist und auch so wirkst, denn diese Position verleiht dir Macht und Macht verlangt nach einem Bewusstsein für Verantwortlichkeit.
  2. Mach dir klar, welches Menschenbild du von jungen Menschen hast.
  3. Stell dein Menschenbild in die Ecke und lerne jeden jungen Menschen, der in dein Leben tritt, vorurteilsfrei kennen.
  4. Mach dir bewusst, welche erwachsenen-spezifischen Privilegien du hast.

Weiterführende Ressourcen

Literatur

  • Manfred Liebel / Philip Meade: Adultismus. Die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Eine kritische Einführung, Bertz + Fischer, 2023 Link zum Verlag  Online-Version für Jugendliche
  • Manuela Ritz / Simbi Schwarz: Adultismus und kritisches Erwachsensein, Unrast 2022. Link zum Verlag
  • Sandra Richter: Adultismus. Die erste erlebte Diskriminierungsform? Theoretische Grundlagen und Praxisrelevanz, 2013. Link zum PDF

Videos

Videomitschnitt Vortrag Manuela Ritz: Adultismus und kritisches Erwachsensein
Machtphantasien eines Kindes angesichts der erlebten Ohnmacht durch Erwachsene: Do What I Say von Clawfinger
Kritischer Song über Lehrer, Lehre, Schule und Strukturen der Unterdrückung von Pink Floyd
  1. Vgl. Manuela Ritz: Adultismus – (un)bekanntes Phänomen, ista 2013, S.1
  2. Deutsches Rotes Kreuz: Curriculum „Was MACHT was?!“, 2016, S.12
  3. Siehe z.B. Thorsten Faas und Arndt Leininger: Wählen mit 16? Ein empirischer Beitrag zur Debatte um die Absenkung des Wahlalters, OBS-Arbeitspapier 41, 2020.
  4. NCBI Schweiz & Kinderlobby Schweiz: Not 2 young 2 – Alt genug um. Rassismus und Adultismus überwinden, K2-Verlag, 2004, Seite 12
  5. Ebd., Seite 15
  6. Manuela Ritz / Simbi Schwarz: Adultismus und kritisches Erwachsensein, Unrast 2022, S. 252