Eine Ausstellung und eine hervorragende Publikation legen den Fokus auf die globalen Vernetzungen Nürnbergs zwischen 1300 und 1600, auf die Bedeutung der Stadt als internationales Handelszentrum in der Mitte Europas sowie auf ihren weltweiten kulturellen Austausch.

Die große Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg nimmt die Besucher*innen mit in eine Zeit, in der die Reichsstadt ein Knotenpunkt des Welthandels, der Ideen und der Kunst war – lange bevor es den Begriff „Globalisierung“ überhaupt gab.

Nürnberg, die vernetzte Stadt

Zwischen 1300 und 1600 war Nürnberg eines der wichtigsten Handelszentren Europas, strategisch gelegen an den großen Routen zwischen Italien, dem Ostseeraum und den Märkten des Nahen Ostens. Kaufleute, Pilger, Diplomaten und Gelehrte strömten in die Stadt, brachten Waren, Nachrichten und Weltwissen mit – und trugen Nürnberger Ideen in alle Richtungen weiter.

Die Ausstellung zeigt Nürnberg als Drehscheibe für Luxusgüter und Alltagsware zugleich: kostbare Goldschmiedearbeiten, exotische Materialien, aber auch frühe Massenprodukte, die den Wohlstand der Stadt sicherten. So wird deutlich, wie eng ökonomische Macht, kultureller Austausch und politischer Einfluss ineinandergreifen – und wie früh globale Netzwerke funktionierten.

Holzschnitt mit Nürnberger Stadtansicht aus der Schedel’schen Weltchronik, 1493

Kunstwerke als Weltreisende

Einer der spannendsten Aspekte von „Nürnberg GLOBAL“ ist der Blick auf Kunst als globales Medium. Albrecht Dürer, der vielleicht berühmteste Sohn der Stadt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Schau: Seine Druckgrafiken verbreiteten sich in Windeseile über den Kontinent und tauchen sogar in indischen Buchmalereien oder auf Wandbildern in Kolumbien wieder auf.

Auch bei den Objekten selbst wird es konkret global: Nürnberger Goldschmiede verarbeiteten Kokosnüsse, Straußeneier, Perlmutt oder Meeresschnecken aus dem Indischen Ozean zu prunkvollen Pokalen und liturgischen Geräten. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist eine Lavabo-Garnitur, deren Kanne aus mehreren importierten Turbanschnecken besteht – ein Objekt, das Handel, Kunst und Naturgeschichte verbindet.

Der Behaim-Globus als Symbol

Im Zentrum der Ausstellung steht ein ikonisches Stück: der Behaim-Globus. Dieser um 1492 entstandene Globus gilt als der älteste erhaltene Globus der Welt und ist seit 2023 als Weltdokumentenerbe anerkannt.

Der Globus zeigt, wie sich Menschen um 1500 die Welt vorstellten – mit Leerstellen, Projektionen und Irrtümern, aber auch mit erstaunlicher Detailfreude. Im Kontext von „Nürnberg GLOBAL“ wird er zum Schlüsselobjekt: Er steht dafür, wie Wissen geordnet, visualisiert und politisch nutzbar gemacht wurde – und macht zugleich sichtbar, wer auf dieser Weltkarte vorkommt und wer unsichtbar bleibt.

Behaim-Globus, Foto: Germanisches Nationalmuseum

Frühe Globalisierung – und ihre Schattenseiten

Die Kuratorinnen und Kuratoren feiern Nürnbergs Blütezeit nicht unkritisch, sondern stellen explizit die Ambivalenzen der frühen Globalisierung heraus. Hinter exotischen Rohstoffen stehen Ausbeutung, ungleiche Handelsbeziehungen und frühe Formen kolonialer Gewalt, die in der Ausstellung klar benannt und mit heutigen Debatten verknüpft werden.

So geht es auch um Fragen, die uns bis heute beschäftigen: Wer profitiert von globalem Handel, wer trägt die Kosten, und wie lassen sich Ressourcen gerecht verteilen? Die Schau schafft es, historische Objekte nicht museal zu verruhigen, sondern sie als Spiegel unserer Gegenwart zu zeigen – vom Klimadiskurs bis hin zu Diskussionen um globale Gerechtigkeit.

Besuch und Katalog

„Nürnberg GLOBAL 1300–1600“ ist noch bis zum 22. März 2026 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen. Zur Ausstellung ist ein toller Katalog erschienen, der Online als PDF kostenfrei heruntergeladen oder kostenpflichtig bestellt werden kann:

Baumbauer, Benno, Feist, Marie-Therese und Jakstat, Sven (Hrsg.): Nürnberg GLOBAL 1300-1600, Heidelberg: arthistoricum.net, 2025.

Cover des Katalogs Nürnberg Global 1300-1600

Wer die Ausstellung besucht, sollte genügend Zeit einplanen, denn rund 120 ausgewählte Objekte eröffnen jeweils eigene, dichte Geschichten – von kostbaren Goldpokalen über Drucke und Karten bis hin zu Alltagsgegenständen.

Am stärksten wirkt die Schau, wenn man sie als Einladung versteht, die eigene Stadt- oder Globalisierungsgeschichte neu zu denken: Nicht als abstrakten Prozess, sondern als Geflecht sehr konkreter Menschen, Dinge und Bilder, die seit Jahrhunderten um den Globus zirkulieren.