Coldplay– Stereotype in aktuellen Musikvideos

Indische Stereotype in der Musikindustrie von heute
Coldplay und Beyonce’s neues Musik-Video “Hymn For The Weekend”, welches Ende Januar 2016 veröffentlicht wurde, hat mit seiner Darstellung indischer Kulturklischees für Aufregung und internationale Diskussionen gesorgt. Das in Indien gedrehte Video nutzt orientalistische Klischees, um einen exotischen Hintergrundteppich für den Musiktrack zu weben. Von lachenden Kindern, die barfuß durch das Video laufen, schwebenden Sadhus und Schlangenbeschwörern, bis zu farbigen Festivals und hinduistischen Göttern findet sich in dem Video fast alles, was so langläufig mit Indien assoziiert wird.

Eine der berühmtesten Schauspielerin des modernen Indiens, Sonam Kapoor, erscheint dafür nur wenige Sekunden auf dem Bildschirm.

Das Land wird zur exotischen Spielwiese von weißen Musikern, die ihre unreflektierten Träume und Projektionen zwischen Ästhetisierung von Armut und oberflächlicher Darstellung hinduistischer Kulturelemente ausleben.

Reaktionen in Indien

Widerstand kommt vor allem aus Indien selbst. Das riesige Land in seiner Vielfalt und mit über einer Milliarde Menschen, so die Kritiker, sei wieder ein Mal nur auf wenige (westliche) Stereotype reduziert worden. Das gezeigte Frühlingsfest der Farben (Holi) zum Beispiel, wird nur im Norden des Subkontinents gefeiert. Die gezeigten Götter und Tempel beziehen sich nur auf den Hinduismus. Obwohl Indien bis heute ein hinduistisch geprägtes Land ist, hat Indien nach Indonesien und Pakistan die weltweit drittgrößte muslimische Bevölkerung und viele andere wichtige Religionsgruppen (Buddhisten, Sikhs, Jainas etc.), die in Stereotypen Darstellungen oft vergessen werden.

Reaktionen auf Twitter …
Twitter Antwort auf das Video_Twitter Antwort auf das Video

weitere Reaktionen aus Indien …

Orientalismus und kultureller Imperialismus

Sollten sich die Kritiker nicht entspannen und Musik einfach Musik sein lassen, Musikindustrie einfach Musikindustrie? Ich sage nein! Solche Produktionen haben eine enorme internationale Reichweite und damit auch eine Verantwortung. Über Jahrhunderte wurden koloniale Bilder des “Orients” als eine traumhafte und schreckliche Gegenwelt Europas aufgebaut. Diese Bilder prägen bis heute unsere Vorstellungen und sind voll von Rassismus. Hinter der farbigen exotischen Folie dieser Bilder stecken abwertende Vorstellungen über den Nahen- und Fernen Osten, die zur Selbstaufwertung dienen. Während wir rational sind, sind sie irrational (bunte Götter). Während wir reich und wohlhabend sind, sind sie arm und zurückgeblieben (Slums und Kinder mit nackten Füßen …).

Wer sich für die wissenschaftlichen Hintergründe des Orientalismus interessiert, dem sei natürlich der Pionier dieser Theorie Edward Saïd mit seinem Werk “Orientalism”1 ans  Herz gelegt. Eine gute Einführung bietet auch der Artikel “Orientalismus” von Felix Wiedemann. Zur “Mystifizierung Indiens” gibt es ein sehr guten Text von Richard King online als PDF: Orientalism and Religion. Postcolonial theory, India and ‘the mystic East’.

Coldplay’s fernöstliche Mischmaschmasche

Es war nicht das erste Mal, dass Coldplay die Kultur eines Landes als exotische Hintergrundfolie für ihre Musikvideos stereotypisierte. In dem Video Princess of China findet sich ein seltsamer Mix aus europäischen Klischeebildern des fernen Ostens.

Kunst könnte man sagen, Reproduktion von kolonialen europäischen Traumbildern könnte man antworten. Was da unter der Darstellung einer “chinesischen Prinzessin” zusammengeschnitten wurde, ist ein wilder Streifzug durch verschiedene Kulturstereotype Asiens. Ihre vielen Arme, erinnern an eine hinduistische Gottheit, die Essstäbchen in ihrem Dutt erinnern an die Frisur einer japanischen Geisha und um noch mehr Verwirrung zu stiften, sieht sie mit den Fingerverlängerungen aus, wie eine Thai-Tänzerin. Die Taiko-Trommler und Ninjas, die in dem Video dann auftauchen, machen es auch nicht klarer, die stammen nämlich, kulturell gesehen, wiederum aus Japan.

Stimmen aus China und Asien

Chinesische Betrachter lachten damals über den Mischmasch und die falsch verstandene Repräsentation von China. “From my perception, the Westerners really have some awkward understanding of our Oriental cultural” schrieb Hua Laoban auf Weibo, dem chinesischen Konkurrent von Twitter. Ling You Ming Ning schrieb: “This music takes advantage of China, nothing really reflects a Chinese palace or Kung Fu. It’s more Japanese. It’s hilarious.”

Auf der Seite “8asians.com”, einer Webseite, die sich an die “asiatische Community” auf der Welt richtet, heißt es zu dem Video in aufgebrachtem Ton: “The feeling I got watching this video is the equivalent of throwing multiple Asian foods from different regions into a pot (so to be more specific, let’s say sushi, chicken tandoori, dumplings, and pad thai), add some American gravy sauce, and the taste you get from eating something like that is similar to watching this video: Confused As Hell.”

Transkultur?

Ist das nicht die Transkultur, von der kulturshaker.de immer berichtet? Nein! Hier geht es nicht um die Durchdringung von kulturellen Systemen, sondern um Stereotype und in ihrer Wurzel rassistische Schubladen und gefährliche Exotisierungen und Vereinfachungen von sehr diversen und modernen Regionen unserer Erde.


  1. Edward Said (1981) Orientalismus. Ullstein