Die Publikation „Die bewegliche Mitte als Zielgruppe der politischen Bildung“ beleuchtet, wie Bildungsarbeit stärker auf die politische Mitte der Bevölkerung zuzugehen kann, um dieses wichtige Drittel der Bevölkerung bei Fragen der vielfältigen und demokratischen Gesellschaft nicht an die Rechte zu verlieren.

Die „bewegliche Mitte“

Die gesellschaftliche Diskussion um Einwanderung und den Umgang mit Asylsuchenden ist seit Jahren polarisiert. Verschiedene Studien zeigen jedoch, dass die in der Bevölkerung vorhandenen politischen Einstellungen ein differenzierteres Bild ergeben, als es die aufgeheizten öffentlichen Debatten vermuten lassen. Es gibt große Gruppen in der „beweglichen Mitte“ der Gesellschaft, die sich den beiden Polen an der Meinungsfront nicht so einfach zuordnen lassen und wenig sichtbar werden.

Diese Gruppen, die von Forschern wahlweise beweglich, schweigsam, versteckt oder unsichtbar genannt werden, machen große Teile der Bevölkerung (etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung) aus und sind deshalb nicht zu vernachlässigen.

Die Publikation stellt in ihrem ersten Abschnitt diese oft übersehene und auch von der Bildungsarbeit wenig adressierte Bevölkerungsschicht vor.

Wie die bewegliche Mitte denkt

Im zweiten Teil der Publikation, geht es um das Meinungsbild der „bewegten Mitte“.

So wird festgestellt, das sich das unsichtbare Drittel im Vergleich zum Rest der Gesellschaft häufiger einsam fühlt, es an persönlicher Einbindung und an dem wichtigen Gefühl fehlt, Einfluss auf das eigene Leben und die Gesellschaft nehmen zu können. Auch in politisch-gesellschaftlichen Fragen sind diese Menschen weniger als andere involviert, bleiben oft passiv und finden nicht, dass der politische Raum ihnen eine gute Orientierung liefert. Ein Drittel der Bevölkerung fühlt sich demnach im wahrsten Sinne des Wortes als unsichtbar.

Besonders interessant, ist die Meinung der „beweglichen Mitte“ zur Vielfältigen Gesellschaft:

Potenziell sind viele Menschen aus der beweglichen Mitte zwar bereit, sich für eine vielfältige Gesellschaft einzusetzen. Sie teilen aber lange nicht alle Einschätzungen von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich für eine offene Gesellschaft engagieren. Häufig sind ihnen andere Dinge wichtiger als Themen der Migrationsgesellschaft, etwa Fragen kultureller Traditionen und der eigenen sozialen Absicherung. Einige von ihnen sind aber auch anfällig für Strömungen, die mit Angst Politik machen und Sorgen der Menschen für populistische Zwecke kanalisieren.

Die bewegliche Mitte, Seite 6

Das Drittel der „beweglichen Mitte“ kann potentiell also für eine vielfältige Gesellschaft gewonnen werden. Allerdings muss dieses Potential auch genutzt, bzw. aktiviert werden. Rechte Gruppen versuchen, die Mitte in ihre Richtung zu bewegen. Hier lohnt es sich tatsächlich zu überdenken, wie Veränderungen und Ansprüche an eine vielfaltsgerechte Gesellschaft debattiert und im Bildungskontext adressiert werden.

Je nachdem, wie es um den Zustand der gesellschaftlichen Mitte bestellt ist, kann sie beides sein: Sie kann integrativ wirken, Menschen und Meinungen zusammenbringen, zwischen verschiedenen Interessen und Bedürfnissen vermitteln und austarierte Lösungen entwickeln. Sie kann aber auch kreative Köpfe einschränken, das Mittelmaß zum Maßstab machen und Abweichungen von der Norm unterdrücken. Es gibt in den meisten Gesellschaften auch gute Gründe, eben nicht zur Mitte gehören zu wollen. Es wäre jedoch ein Fehler, diese Gruppen in der politischen Bildungsarbeit zu vernachlässigen.

Die bewegliche Mitte, Seite 8

Folgende Aspekte treiben die bewegliche Mitte besonders um:1

  • Sie profitiert nach eigener Einschätzung nicht (ausreichend) von der guten Wirtschaftslage in Deutschland.
  • Sie sorgt sich deshalb im besonderen Maße um die eigene soziale Absicherung und den Statuserhalt.
  • Sie wünscht sich mehr Wertschätzung und Anerkennung für Berufswege ohne Studium oder Abitur.
  • Sie sieht keinen Widerspruch darin, traditionelle und progressive Ansichten zu verbinden und fürchtet den Verlust kultureller Traditionen.
  • Sie fühlt sich im politischen Geschehen desorientiert und von politischen Repräsentanten nicht gut vertreten.
  • Sie hält Rassismus, rechte Gewalt und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft für eine Gefahr.
  • Sie misstraut diesbezüglich der Lösungskompetenz der politischen und gesellschaftlichen Eliten.
  • Sie begrüßt Einwanderung grundsätzlich, die Aufnahmebereitschaft variiert aber je nachdem, um welche Gruppen und Motive es bei den Neuankommenden geht.
  • Sie fühlt sich in einer potenziellen Konkurrenz zu neu hinzukommenden Einwanderern um Wohnraum und zum Teil um Arbeit.

Die andere deutsche Teilung

Die Forschungsinitiative „More in Common“ hat bezüglich der bewegten Mitte und gesellschaftlicher Polarisierung eine spannende Studie herausgegeben: Die andere deutsche Teilung: Zustand und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Die Forscher machten eine Dreiteilung der Gesellschaft aus. Die Segmentierung offenbart verschiedene gesellschaftliche Rollen, die mit verschiedenen Typen charakterisiert sind.

Grafik und Quelle: More in Common (2019)

In ihrer Online-Werkstatt bieteten die Forscher:innen von More in Common unterschiedliche Methoden, Arbeitsmaterialien und Werkzeuge an, um Perspektivenwechsel und Begegnung zwischen den gesellschaftlichen Segmenten möglich zu machen.

Gesellschaftliche Typenkarten

Was ist anderen Menschen wichtig? Wie blicken sie auf die Gesellschaft? Die Karten ermöglichen einen niedrigschwelligen Einstieg in verschiedene Lebensrealitäten.

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Quiz: Welcher Typ bist du ?

Wie sehe ich die Gesellschaft? In dem Typen-Quiz kannst du herausfinden, welcher der sechs Gesellschaftstypen du bist.

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Arbeitspapiere

Um mehr Menschen über gesellschaftliche Gruppen hinweg zu erreichen und nicht nur die üblichen Verdächtigen anzusprechen, ist es hilfreich seine Zielgruppe(n) neu zu reflektieren. Dieses Arbeitspapier ermöglicht hierfür einen strukturierteren Zugang. 

Herausforderungen und Strategien eines Dialogs mit der „beweglichen Mitte“

Im letzten Teil der Publikation werden zunächst Herausforderungen genannt, die sich für die Ansprache von Zielgruppen aus der beweglichen Mitte der Gesellschaft ergeben. Eine zentrale Schwierigkeit besteht zum Beispiel darin, eine Sprache zu finden, die den eigenen Ansprüchen und Werten genügt, das Gegenüber dabei aber nicht verschreckt.

Benannt werden z.B. folgende Hindernisse, die es zu überwinden gilt:2

  • In Teilen der beweglichen Mitte existiert eine Abwehrhaltung gegenüber rassismuskritischer Sprache. Diese Skepsis steht dem Bedürfnis zivilgesellschaftlicher Akteure in dem Themenfeld gegenüber, auf eine sensible Verwendung von Sprache besonders zu achten.
  • Auf Seiten der beweglichen Mitte existieren verbreitet Ängste davor, eigene Privilegien zu verlieren und das eigene Weltbild revidieren zu müssen, wenn bislang benachteiligte Gruppen nach Gleichberechtigung streben. Daraus ergibt sich ein spürbares Spannungsverhältnis, das schwer aufzulösen ist.
  • Aufgrund der angespannten gesellschaftlichen Debatten sei es schwierig Räume zu schaffen, die einen konstruktiven Dialog ermöglichen würden.

Um die bewegliche Mitte anzusprechen, werden noch einmal drei Standorte der Mitte unterschieden:3

  • Sympathisanten demokratischer Bewegungen stehen auf Seiten einer offenen Gesellschaft in Vielfalt, verhalten sich aber passiv und schweigen in der Regel zu den laufenden Debatten.
  • Neutrale oder Unpolitische, die sich von keiner Bewegung angesprochen fühlen, möchten sich nicht zu diesen Themen positionieren.
  • Sympathisanten rechtspopulistischer Bewegungen wenden sich enttäuscht von der Mitte ab und stehen auf einer Schwelle, die zu politischer Radikalisierung führen kann.

Die Publikation stellt fest:

Alle drei Gruppen sind potenziell von politischer Bildung, von demokratischen Bewegungen ansprechbar. Die Frage ist nur: wie? Welche Formate und Themen können sie erreichen, welcher Sprache und welchen Argumenten stehen sie aufgeschlossen gegenüber, an welchen Orten sind sie anzutreffen und welche Institutionen, Gruppen oder Einzelpersonen könnten als vertrauensvolle Mittler Kontakt herstellen?

Die bewegliche Mitte, Seite 62

Als Strategien bzw. Tipps zur Ansprache und Bildungsarbeit, nennt die Publikation u.a. folgende Punkte:

  • Der erste Fokus sollte auf Gemeinsamkeiten und möglichen Lösungswegen liegen, erst danach sollte man auf Unterschiede und Probleme eingehen.
  • Offen sein für die Perspektiven und Bedürfnisse von Menschen, die nicht aus dem gleichen Milieu, der gleichen Partei oder auch der gleichen Generation stammen
  • Zuhören, ernst nehmen und herausfinden, was die Menschen wirklich bewegt, ohne Vorurteile und Abwertungen zuzulassen
  • Auf dieser Basis einende Ziele generieren, mehrheitsfähige Positionen und Lösungen entwickeln und dann für diese Positionen und Lösungen aktiv werben
  • Probleme nicht verschweigen und schönreden, um zu vermeiden, dass Populist:innen sich als Tabubrecher:innen aufspielen
  • Ein gemeinsames „Dafür“ entwickeln
  • Es braucht sowohl Haltung als auch Empathie und Dialogbereitschaft
  • Eigene Haltung und Grenzlinien für sich vorab klar definieren
  • Eine differenzierte Strategie entwickeln, abgestimmt auf die konkrete Zielgruppe (z.B. Alter, Region, Interessen, Bedürfnisse).

Der Herausgeber der Publikation, das Kompetenznetzwerk „Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft“, ist sich sicher:

Die bewegliche Mitte muss künftig stärker in Bildungsprogrammen und Debatten als Zielgruppe berücksichtigt werden, als es bisher der Fall ist. Hier besteht ein erheblicher Bedarf an inhaltlicher wie rhetorischer Neujustierung.

Die bewegliche Mitte, Seite 10

Blickpunkt Migrationsgesellschaft: Die „bewegliche Mitte“ als Zielgruppe der politischen Bildung, Gegen das Vergessen – Für Demokratie e.V., 2022

Cover der Publikation