Transkulturelle Theorie für die praktische Begegnung! Das Buch „Transkulturelle Herausforderungen meistern. Missverständnisse klären und Kompetenzen stärken“ bietet eine großartige Hilfe für alle, die in mehreren Kulturen zu Hause sein wollen und auch für diejenigen, die praxisorientierte Trainings, Seminare und Workshops für die nationale und internationale Begegnungsarbeit anbieten.

Upgrade der interkulturellen Kommunikation

Einige mögen es vielleicht noch kennen, das langjährige Standartwerk „Interkulturelle Kommunikation“, herausgegeben von Dagmar Kumbier und Friedeman Schulz von Thun. Für mich als Trainer eine wichtige Quelle für hilfreiche Modelle und bis heute in meinem Bücherschrank. Dieses, an vielen Stellen einseitige und in die Jahre gekommene Buch hat mit der Neuveröffentlichung nun ein Upgrade erfahren.

Anna Fuchs ist es gelungen, die Kommunikationsmodelle zu retten und durch eine aktualisierte theoretische Rahmung auch zeitgemäß und praxisrelevant zu halten. Die Kommunikationsmodelle im Buch helfen dabei, komplexe Theorien und Dynamiken nachvollziehbar abzubilden.

Brücke zwischen interkulturellem Pragmatismus und transkulturellem Realismus

Anna Fuchs möchte mit dem Buch Brücken zwischen den Positionen der interkulturellen und der transkulturellen Sichtweise schlagen. Sie wagt dabei einen Balanceakt „ … zwischen lebenspraktischer, aber kategorisierender Vereinfachung einerseits und dem Bewusstsein um menschliche Komplexität andererseits.1

Wie zum modernen Verständnis von Kulturen eine „Sowohl-als-auch-Logik“ notwendig ist, so will die Autorin auch den interkulturellen und den transkulturellen Ansatz nicht gegeneinander ausspielen. Beide Sichtweisen, so Anna Fuchs, haben ihre Berechtigung und unterliegen gleichzeitig der Gefahr übertrieben zu werden.2

Deswegen wird Ihnen in diesem Buch beides begegnen: zum einen die interkulturelle Perspektive als Grundlage, um kulturelle Unterschiede zu verstehen, zum Beispiel in Form von Kulturdimensionen, also festen Kategorien, mit denen die Wissenschaft versucht, Kulturen anhand einer einheitlichen Methode zu erfassen – und zum anderen die transkulturelle Perspektive, die komplexer ist, unsere Realität aber auch realistischer abbildet und versucht, Entwicklungspotenziale zu erkennen, Synergien zu nutzen und Gemeinsamkeiten zu betrachten.3

Was bietet das Buch?

Das erste Kapitel ist mit „Statische Eisberge und lebendige Flusslandschaften“ überschrieben. Es bietet eine sehr gut verständliche Einführung zum modernen Kulturbegriff.

Der ganze erste Teil des Buches beschäftigt sich dann mit der Frage, was Kultur mit uns, unserer Wahrnehmung, unserer Identität macht. Dabei geht es in den gut strukturierten Absätzen auch um Stereotype, Vorurteile und Rassismus. Spannend und wichtig an dieser Stelle ist auch der Teil zu Third Culture Kids und Cross Culture Kids, als zu denjenigen, die an mehreren Orten zu Hause sind.

Im zweiten Teil geht es darum, wie Kulturen sich unterscheiden und welche Dynamiken zwischen ihren Mitgliedern wirken. Thematisiert werden u.a. Werte, Kommunikation, Kulturdimensionen und Konfliktdynamiken. Eingestreut sind dabei hilfreiche Modelle, wie das Werteentwicklungsquadrat oder das Riemann-Thomann-Modell.

Besonders praktisch orientiert sind aber auch die Unterpunkte zur Kommunikation. Hier wird auf unterschiedliche Kommunikationsstile, Gesprächsrhythmen und Formen der Körpersprache eingegangen. In dem Absatz „Kulturdimensionen – von der Kunst, Kulturen zu vergleichen“ gelingt Anna Fuchs tatsächlich der kunstvolle Balanceakt zu erklären, warum diese Vereinfachungen sowohl gefährlich und unwissenschaftlich als auch hilfreich und gerechtfertigt sein können.

Zu Beginn des dritten Teils warnt Fuchs vor einer einseitigen interkulturellen Perspektive. Diese Perspektive, so die Autorin, verleite oft dazu, den kulturellen Hintergrund zu einem Vordergrund zu machen.4 Gegen die Überbetonung kultureller Faktoren (Kulturalismus) stellt sie daher am Ende des Buches vor, wie die transkulturelle Perspektive unser (globales) Zusammenleben verbessern kann.

„Der transkulturelle Ansatz bietet deswegen eine notwendige Ergänzung für unseren automatisierten Blick auf kulturelle Unterschiede und fordert auf, immer einen zweiten, dritten und vierten Blick zu wagen, um sowohl Synergiepotenzial als auch Gemeinsamkeiten zu entdecken.“5

Allerdings gibt die Autorin auch hier noch einmal zu bedenken: „ […] dass auch ein rein transkulturelles Verständnis Gefahr läuft, zu vereinseitigen und den Menschen wertvolle Orientierungshilfen zu nehmen. Denn die meisten Menschen erleben kulturelle Unterschiede nun einmal als höchst real.“6

Am Ende des Buches steht ein Methodenkoffer, bzw. eine kurze Zusammenfassung der Anwendungsmöglichkeiten der einzelnen, im Buch erklärten, Modelle.

Praktisch, reflektiert, hilfreich

Eine solche Praxishilfe mit einem aktuellem und reflektierten Kulturverständnis war tatsächlich überfällig. Anna Fuchs ist es gelungen, die tatsächliche Komplexität und Uneindeutigkeit von kulturellen Systemen mit vereinfachten Erklärungsmodellen zusammen zu denken. Diese einzigartige Kombination bietet Raum für Vielfalt und Ambiguität, ermöglicht aber auch eine sehr konkrete Unterstützung bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis der Begegnung.

Das Buch bietet genug Theorie, um fundiert zu sein; genug Beispiele, um anschaulich zu sein; genug Modelle, um praxisrelevant zu sein. Zudem ist es erfrischend persönlich und damit lebensnah und unterhaltsam geschrieben.

Eine perfekte Lektüre für alle, die sich in neue (Lebens-)Welten und Kulturen aufmachen, die sich und ihre Begegnungen besser verstehen möchten. Hier finden sie Wissen, Methoden und anschauliche Modelle, um Missverständnisse zu klären und Kompetenzen zu stärken.

 

Anna Fuchs: Transkulturelle Herausforderungen meistern. Missverständnisse klären und Kompetenzen stärken, Rowohlt Taschenbuch 2022.

Buchtitel Transkulturelle Herausforderungen meistern

  1. Anna Fuchs: Transkulturelle Herausforderungen meistern. Missverständnisse klären und Kompetenzen stärken, Rowohlt Taschenbuch 2022, S.19.
  2. Ebd. S.29.
  3. Ebd.
  4. Ebd., S.197
  5. Ebd.
  6. Ebd., S. 198.